Das bin ich

Ich bin Jule, 38, und natürlich ist das nicht mein richtiger Name, aber immerhin mein fast richtiges Alter.

Vor kurzem habe ich meine beste Freundin und mit ihr und ihrer Familie  die Menschen verloren, die mir in den letzten Jahren am meisten ans Herz gewachsen sind. Wenn man es ganz genau nimmt, hat mich Tomma mehr verlassen als ich sie.

Natürlich ist das alles wegen einem Mann passiert, der nun trotz des ganzen Dramas nicht meiner sein wird, obwohl ich mir das sehr gewünscht hätte. Immerhin geht es nicht um den Mann, mit dem Tomma seit Jahren verheiratet ist – das wäre natürlich die klassische und einfachste Version gewesen, aber so hat es das Drehbuch meines Lebens nicht vorgesehen. Es bevorzugt grundsätzlich die kompliziertere Variante.

Und obwohl ich mir noch regelmäßig die Zähne putze, zur Ablenkung gerade auch gerne zweimal täglich ins Kino gehe und nicht im Traum daran denke, mich über irgendeine Brüstung zu stürzen versucht die Traurigkeit doch täglich ihr Bestes, mich endgültig vom Teppich zu fegen. Sie hat einen sehr großen Koffer dabei und ich denke, sie möchte länger bleiben.

Ich habe lange nicht mehr gedacht, dass man vor Kummer verrückt werden könnte, aber gerade  bin ich mir nicht mehr ganz so sicher. Und da sich Tagebuchschreiben gerade anfühlt, als würde ich mich in mir selber einsperren und mir unendlich einsam erscheint, ich es aber auch nicht einsehe, einem Therapeuten wöchentlich 90 Flocken hinterherzuwerfen, damit er mir 50 Minuten lang nicht hilft, gibt es nun also nur diesen einen Weg.

Ich blogge sozusagen therapeutisch.

Dieser Blog ist meine Leinwand und der Raum für meine muntere Gestalttherapie. Ich werde mich darauf kreativ und emotional austoben und ich habe gerade verflucht viel Farbe im Topf.

Natürlich schütze ich die Menschen, um die es geht – es gibt keine echten Namen und ich male gründlich über alle Linien hinaus. Aber ich klatsche verflucht nochmal  solange Farbe auf diese Leinwand, bis alles wieder gut ist.

12 Gedanken zu “Das bin ich

  1. Hallo Frau Morgenrot,

    freut mich, dass ich Dich kennengelernt habe. Ich finde, Du hast eine kesse Schreibe; jedenfalls macht es Spaß, Deine Beobachtungen zu teilen – und Deinen Umgang mit Dir.
    Ich lese gerade ein Buch über den Weg der Seele in der Alchemie, und, an die anknüpfend, scheint es mir, als ob Du durch die nigredo, die absolute Schwärze, und die mortificatio, den Tod (zumindest den Beziehungstod) so halbwegs durch bist und Dich in der sublimatio befindest – es destilliert sich das ein oder andere nach oben; ich hoffe, es ist auch das ein oder andere dabei, was Dir weiterhilft. Leider ist es ja so, dass man meist erst mehrere Jahre später weiß, für was alles gut war. Jedenfalls finde ich es eine echt gute Idee, dass Du den Blog angefangen hast. Ich guck bestimmt immer mal wieder vorbei; irgendwie schaffst Du es, dass Du ganz in der Nähe bist, wenn Du schreibst.
    Ich wünsch Dir jedenfalls immer mal wieder eine coniunctio, wenn nicht mit einem Partner, dann doch mit dem Glück 🙂

    LIebe Grüße,
    Johannes

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  2. Wunderbare Geschichten präsentierst du hier, Jule-Morgenrot, auch wenn der (die) dahinter stehende(n) Gedanke(n) derzeit wohl von Melancholie inspiriert und angetrieben zu sein scheinen sind es erfrischend spannende Texte. Es ist schon lange her, dass ich so viel online in einem Schwung durchgelesen habe. Viel Freude beim Bloggen weiterhin wünscht dir W 🙂 lfgang

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  3. Wow. Ich bin ganz hingerissen von der Lyrik und Deiner Art, die Worte aneinanderzureihen. Ich bin ganz verliebt in die Melancholie Deiner Geschichte, was natürlich gemein und fies klingt. Es aber nicht bedeutet.
    Schreiben als Therapie … Ja, ja ja!
    Allerliebste Grüße und alles Gute, Julia

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