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Rosemarie II

 

Ich habe drei Monate lang nur geweint. Jeden Tag, stundenlang. Für den Schmerz über den Verlust meiner Freunde und der Menschen, die ich zu meiner Familie gemacht habe, hatte ich keine Worte. Ich habe gekotzt statt gearbeitet, geheult statt geschlafen und bin 24 Päckchen Butter leichter geworden. Dieser Liebeskummer war atemberaubend und ich möchte schwören, er hätte mich irgendwann um die Ecke gebracht.

Dann kam Rosemarie. Und ich kann es noch immer nicht fassen: seit meinem Telefonat mit Rosemarie, seit Dienstag, 15:30 Uhr….es ist alles anders …und ich kann es einfach nicht begreifen.

Mir geht es eigentlich ganz ok seitdem. Ich denke noch immerfort an Tomma, an Moritz und die Kinder, die ich so sehr in mein Herz geschlossen habe. Aber ich denke auf eine eher sachliche und auch sehr liebevolle Weise darüber. Es tut nicht mehr weh, jedenfalls nicht mehr auf so grausame Weise wie in den letzten Monaten. Ich habe sehr, sehr, sehr vorsichtig versucht, diesen fürchterlichen Schmerz ein bisschen zurückzuerinnern oder zu provozieren – es gelingt mir nicht wirklich.

Es ist, als hätte man meine Festplatte komplett gelöscht.

In den ersten Tagen war ich schwer versucht, wieder an Wunder zu glauben. Ich wollte Räucherstäbchen anzünden, mit Trommelmusik im Wald meinen Namen tanzen und mich nur noch von Lichtenergie ernähren. Aber dafür bin ich letztendlich dann doch zu rational und daher suche ich nach Erklärungen. Hat Rosemarie mich vielleicht irgendwie hypnotisiert? Wache ich daraus plötzlich wieder auf die Tage und falle in das dreckige Schlammloch der Trauer zurück? Oder hat mir eine Stunde Seelestreicheln einfach nur so gut getan, dass danach sofortige Spontanheilung eintrat? Ein grandioser Placeboeffekt vielleicht…? Nein. Unmöglich. Vollkommen unmöglich. Dafür ist die Veränderung viel zu gravierend…

Ich spreche mit meiner Freundin Nina, die Psychologin ist, und glaube ich mich auf der richtigen Spur. Sie erzählt mir von speziellen traumatherapeutischen Techniken, z.B. EMDR, bei denen in den Untiefen des Gehirns, auf dem mandelkernwinzigen Planeten „Amygdala“, Gefühle von traumatischen Erinnerungen abgekoppelt werden können. Ich recherchiere. Ja, sowas gibt es. Und das wird in der Regel in mehrern Sitzungen und als Begleitmaßnahme zu einer psychotherapeutischen Behandlung erreicht. Und das dürfen nur Psychologen, die nach ihrer Psychoanalytischen Ausbildung dann noch dieses spezielle Verfahren lernen. Die haben das also jaaaahrelang studiert! Aha. Und das hat Rosemarie in nur EINER Stunde mit mir gemacht?! Per Telefon von Berlin nach Köln?!? Rosemarie, die mitfünfzigjährige Erzieherin, die wahrscheinlich an einem überteuerten spirituellen Heilerwochenende mit anderen bedürftigen  Hausfrauen auf  Lebenssinnsuche „ThetaHealing“  von einem barfüssigen Spinner gelernt hat…?

Was auch immer passiert ist: es hat meine komplette Systemsteuerung wieder auf Werkseinstellung gesetzt…

Ich zünde jetzt doch mal ein Räucherstäbchen an.

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