Schlagwort: Krise

Klippenspringen

Alleine verreisen! Ein unbeschwert anarchistisches Abenteuer, ziel – und planlos ins Blaue hinein, von einem Tag zum nächsten, ich lasse mich treiben, der Geist ist weit und offen, die Tage ungezähmt und wild, ich bin mutig und frei, das Zurückkommen jedesmal voller Geschichten von inspirierenden Begegnungen!

So, jetzt mal zurück auf`n Teppich.

Mit dem schwerstmöglichen Felsen auf dem Herzen und außerhalb der Sommersaison ist Odesäääisch nicht eben der freundlichste Ort der Welt. Ich werde wie immer früh wach, pelle mich aus den klammen, muffigen Wolldecken und schmeisse mir was annähernd Wanderkompatibles über. Grundsätzlich flipfloppe ich, wo immer es geht. Das bringt mir meist verständnisloses Kopfschütteln ein. Ich bin vor Jahren mit einer überwiegend aus Rentnern bestehenden Gruppe zwei Wochen mit dem Zelt durch die Sahara geflipfloppt, begleitet von Berbern und 14 Kamelen. Da wären wir auch schon wieder bei den Schöffeljackenträgern, die in der Sahara natürlich allesamt gut voreingelaufene und auf Qualitätstennissocken gepolsterte Wanderschuhe trugen. Ich bin es mittlerweile gewohnt, dafür belächelt zu werden – das Ding hüpft tatsächlich in FlipFlops durch die Dünen, guck sich das einer an…

Nach mehreren Stunden Marsch die erste längere Pause unter einer Tamariske. Die Rentner pellen ihre angeschwollenen Schweißquanten aus den überhitzten Stiefeln, begutachten ihre sandgepeelten offenen Schrunden, schlagen den Sand aus den feuchten Socken und versuchen, das Gröbste mit DM-Hygienetüchern und Compeedpflastern zu beheben, natürlich immer noch in der festen Annahme, hier bestens für alles gerüstet zu sein.

Ich streife die FlipFlops ab. Die Füsse sind bis auf den dekorativen UrlaubsV-Ausschnitt gleichmässig braun. Ich spare mir den zeitlichen Umweg über die Feuchttücher und esse schonmal Melone.

Was trugen wohl die Berber an den Füssen…? McTreks waren´s nicht, soviel dazu.

 

Odeceixe. An Tag eins laufe ich zwanzig Kilometer. Alle dreissig Minuten ziehe ich meine Regenjacke an und wieder aus, hin und wieder guckt ein bisschen Sonne aus den Wolken. Warm wird es nicht. Ich habe mal wieder ganz optimistisch mediterranes Mandelblütenwetter erwartet und nix ordentliches zum Anziehen dabei. Mit den FlipFlops, dem kurzen Rock, der Strickweste und der gelben Regenjacke balanciere ich frierend an den Klippen entlang und sehe unfassbar bescheuert aus. Grundsätzlich nehme ich in den Urlaub nur die schrammeligsten Klamotten mit. Wenn ich dann da bin, tut es mir jedesmal leid, ich schäme mich und möchte tun, als sei ich Belgierin und die Sache damit normal. Aber ich muss ja beim Einchecken den Pass vorlegen. Ich fühle mich wie eine schweinezüchtende Rumänien aus dem regentrüben, schlaglochvernarbten Hinterland, fehlt nur noch das schrabbelige Kopftuch und selbst das hätte ich für alle Fälle dabei. Aber Möwen urteilen nicht.

Leider tritt der seelische Gleichmut nicht gleich mit der Landung am Flughafen und schon gar nicht gleich bei der ersten Wanderung ein. Die Brandung schlägt hart gegen die Klippen, die Gischt vernebelt die Sicht entlang der Küste, das Wetter ist abwechselnd scheisse und mittelscheisse. Und ich bin wütend. Wütend! wütend! wütend! auf Tomma und dass sie es tatsächlich fertiggebracht hat, mich aus ihrer Familie auszuschliessen. Tür zu, Tomma weg, Moritz weg, Kinder weg. Guck, wo du bleibst, Jule, denk mal drüber nach, was du mir da zugemutet hast. Aber vor allem: hau ab!

Ich stolpere also heulend und fluchend über die Klippen. Ich wollte einen idyllischen Selbstfindungstrip, mit duftendem Labdanum, würzigen Kräutern und zarten Frühlingsblüten in den sandigen und sonnenbeschienenen Dünen auf den Klippen der Westküste. Ich will Spaghettiträger und Sommersprossen, ich will die Krise sanft und sonnig, mit gebratener Dorade und einem Tinto aus dem Alentejo in einem Fischrestaurant bei Sonnenuntergang!

Stattdessen kriege ich doch Blasen an den Füssen. Um sechs wird es dunkel, die Restaurants öffnen im April. Aus der Dusche kommt nur kaltes Wasser. An einer Tanke kaufe ich eine Flasche Rotweinfusel, damit ich um halb neun besser einschlafen kann. Ab Tag drei bekomme ich dann doch Frühstück. Im Nebenraum summt ein Kühlschrank.

Allein verreisen.

Ein Bild sagt manchmal mehr als tausend Worte.

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Zurücktreten, bitte.

In Süddeutschland sind zwei Züge ineinander gefahren.

Es ist von menschlichem Versagen die Rede. Der Zugdienstleiter hat einen Fehler gemacht, ein Signal nicht beachtet, einen Stecker gezogen, einen Knopf übersehen, ein System ausgeschaltet, einen Moment zu lange gezögert, eine falsche Entscheidung getroffen, wer weiß das schon genau. Zehn Menschen sind tot.

Der Zugdienstleiter wird vom Dienst freigestellt und man trauert öffentlich mit den Angehörigen. Die Ordnung muss wieder hergestellt, die Ursache gefunden und das Problem behoben werden. Denn das darf sich nie wiederholen.

Selbstverständlich wird es sich wiederholen. Das liegt in der Natur der Dinge. Fehlerhaftes Handeln liegt in der Natur des Menschen.

Ich glaube, der Moment des Fehlers, der Unachtsamkeit, folgt immer ähnlichen und wenigen Mustern. Die Konsequenzen daraus werden aber von vielen Variablen bestimmt. Manchmal fällt durch eine Unachtsamkeit ein Wasserglas vom Tisch. Ein anderes Mal sterben dabei Menschen. Der Fehler im Ursprung ist oft derselbe. Ist ein umsichtiger Autofahrer, der ein Kind überfahren hat, weil er eine Sekunde zu lang zur falschen Seite geblickt hat, schuldiger, als jemand, der versehentlich das Skript eines Freundes mit Kaffee übergißt…?

Für Menschen, die Fehler machen, haben wir keine Lösung. Wir haben Lösungen für Massenmörder, Pädophile, kriminelle Widerholungstäter. Es gibt Therapien, Reintegrationsmodelle oder Konzepte für die lebenslange Sicherheitsverwahrung. Aber wir kennen keinen gesunden Umgang mit Menschen, denen durch eine unbeabsichtigte Unachtsamkeit eben mehr als nur ein Tasse zerbrochen ist. Sie werden lieber nicht weiter integriert. Man fordert ihren Rücktritt, suspendiert sie, stellt sie frei – so macht man das wahlweise mit Zugdienstleitern oder auch Polizeipräsidenten nach verunglückten Sylvesternächten. Man ersetzt sie zügig, denn sie wären ein ewiges Mahnmal der Tragödie oder dessen, was nicht hätte passieren dürfen. Und das halten wir nicht aus.

Das ist eine absurde Fehlerkultur und ich verstehe sie nicht. Warum können diese Menschen nicht ihre Arbeit weiter machen und an ihren Fehlern wachsen? Warum kennen wir keine offene und wertfreie Auseinandersetzung mit Menschen, denen Fehler passiert sind? Die beste Reflexion des eigenen Handelns entsteht aus Krisen, nicht aus permanentem Erfolg – aber wir nehmen lieber die Verabschiedung in Kauf , als dass wir das Potential dieser Krise erkennen und fördern. Stattdessen werden die freien Posten wieder mit  unbefleckten Westen besetzt. Sie dürfen solange bleiben, bis die nächste Tasse zu Bruch geht.

Fühlte sich der Zugdienstleiter in absehbarer Zeit wieder in der Lage, seine Arbeit weiter auszuüben, so gäbe es sicherlich niemanden, der das mit größerer Sorgfalt tun könnte als er.