Schlagwort: Kammerflimmern

Freier Fall

 

Das Leben fickt mich gerade, ich habe leider keine anderen Worte dafür und auch keine Lust, eine freundlichere Umschreibung dafür zu suchen.

Es hat auf einen Schlag vier geliebte Menschen aus meinem Leben, aber leider nicht sorgfältig genug aus meinem Herzen seziert und mich zeitgleich aus meinem Haus herausgeschnitten und ein paar Stadtteile weiter in ein Achtfamilienhaus transplantiert. Es ist wohl davon ausgegangen, dass die Kiste schon wieder läuft, wenn es mich wieder an lebenserhaltende Maßnahmen wie WLAN und den öffentlichen Personennahverkehr angeschlossen hat. Aber weit gefehlt. Alles ist falsch.

Und als hätte mir das Leben in seiner sadistischsten Phase noch nicht ausreichend in die Fresse geschlagen, habe ich heute früh einen schönen beruflichen Auswärtstermin, zu dem ich demnächst täglich aufschlagen darf. Ich google die Adresse und kriege eine mittelschwere Krise. Tomma wohnt am Arsch der Welt, so weit entfernt, dass ich nicht wirklich Angst haben muss, dass wir uns in der Stadt begegnen könnten. Obwohl ich mir das ständig wünsche. Aber ICH fahre heute morgen an eben diesen schönsten Arsch der Welt. Ich kriege den Pickelplatz gleich nebenan und darf bald täglich über den Zaun auf den Schulhof stieren, auf dem Tommas´Sohn, mein geliebter blonder Fratz die Fussbälle kickt.

Leider kann man in meinem Beruf nicht von reiner Projekterfüllung sprechen, sonst würde ich Projekt „ schlage täglich bei Tomma um die Ecke auf“ sofort an einen dafür qualifizierteren Mitarbeiter abgeben. Aber so läuft das in meinem Beruf nun leider überhaupt nicht. Ich muss das erledigen oder wahlweise eine Entschuldigung haben, die mich mindestens verkabelt auf einer Intensivstation vorsieht. Na ja, ich bin privatversichert und schon alleine deshalb hätte ein Kardiologe sicher seine helle Freude an meinem gefühlt durchgängigen Kammerflimmern und seiner Aussicht auf eine durch mich finanzierte Goldmitgliedschaft im Tennisclub.

Das rasende Herz killt mich noch irgendwann. Mein Herz schlägt mit tausend Schlägen die Minute, fast wie der Flügelschlag eines Kolibris, der in der Luft steht und sich nicht zu bewegen scheint, während die Flügel in einem für das Auge kaum noch wahrnehmbaren Tempo rasen. Das tut mein verdammtes Herz , den ganzen langen Tag, ohne Pause. Es scheint unbeweglich und erstarrt, aber sein flacher unsichtbarer Puls rast in einem atemberaubenden Tempo und ich fühle mich permanent zittrig und nervös. Das kann man doch nicht lange überleben, denke ich und wage wieder daran zu glauben, dass man an Kummer tatsächlich verrecken kann. Ich fühle meinen Puls.

Puk. Puk. Puk. Ganz normal, denke ich und kann mir das beim besten Willen nicht erklären.

Ich schätze, Tomma macht ihre Hausaufgaben gut. Sie wird nach dem Zeitplan ihrer Meditationsapp jeden Morgen schneidersitzend Sonnenenergie in ihr Powerhouse inhalieren, ihren Körper anschließend mehrfach durch den Sonnengruß jagen und sich von ihrer Therapeutin Frau Pruse regelmässig darin bestärken lassen, dass es richtig und für ihre Entwicklung ganz wichtig war, mich zu verlassen. Sie wird sich vor allem genug Zeit dafür nehmen, nicht an mich zu denken. Alles wieder ganz normal werden zu lassen. Mit Moritz und den Kindern auf dem Sofa lungern, auf dem ich nie wieder sitzen werde, und dem blonden Fratz die fussbaldsockengeschwärzten Knubbelzehen drücken.

Ich dagegen sitze immer noch vor meinem Matheheft und verstehe die Aufgabe nicht.

Ich beschliesse  zu schwänzen und buche einen Flug ans Meer.