Schlagwort: Fehlerkultur

Zurücktreten, bitte.

In Süddeutschland sind zwei Züge ineinander gefahren.

Es ist von menschlichem Versagen die Rede. Der Zugdienstleiter hat einen Fehler gemacht, ein Signal nicht beachtet, einen Stecker gezogen, einen Knopf übersehen, ein System ausgeschaltet, einen Moment zu lange gezögert, eine falsche Entscheidung getroffen, wer weiß das schon genau. Zehn Menschen sind tot.

Der Zugdienstleiter wird vom Dienst freigestellt und man trauert öffentlich mit den Angehörigen. Die Ordnung muss wieder hergestellt, die Ursache gefunden und das Problem behoben werden. Denn das darf sich nie wiederholen.

Selbstverständlich wird es sich wiederholen. Das liegt in der Natur der Dinge. Fehlerhaftes Handeln liegt in der Natur des Menschen.

Ich glaube, der Moment des Fehlers, der Unachtsamkeit, folgt immer ähnlichen und wenigen Mustern. Die Konsequenzen daraus werden aber von vielen Variablen bestimmt. Manchmal fällt durch eine Unachtsamkeit ein Wasserglas vom Tisch. Ein anderes Mal sterben dabei Menschen. Der Fehler im Ursprung ist oft derselbe. Ist ein umsichtiger Autofahrer, der ein Kind überfahren hat, weil er eine Sekunde zu lang zur falschen Seite geblickt hat, schuldiger, als jemand, der versehentlich das Skript eines Freundes mit Kaffee übergißt…?

Für Menschen, die Fehler machen, haben wir keine Lösung. Wir haben Lösungen für Massenmörder, Pädophile, kriminelle Widerholungstäter. Es gibt Therapien, Reintegrationsmodelle oder Konzepte für die lebenslange Sicherheitsverwahrung. Aber wir kennen keinen gesunden Umgang mit Menschen, denen durch eine unbeabsichtigte Unachtsamkeit eben mehr als nur ein Tasse zerbrochen ist. Sie werden lieber nicht weiter integriert. Man fordert ihren Rücktritt, suspendiert sie, stellt sie frei – so macht man das wahlweise mit Zugdienstleitern oder auch Polizeipräsidenten nach verunglückten Sylvesternächten. Man ersetzt sie zügig, denn sie wären ein ewiges Mahnmal der Tragödie oder dessen, was nicht hätte passieren dürfen. Und das halten wir nicht aus.

Das ist eine absurde Fehlerkultur und ich verstehe sie nicht. Warum können diese Menschen nicht ihre Arbeit weiter machen und an ihren Fehlern wachsen? Warum kennen wir keine offene und wertfreie Auseinandersetzung mit Menschen, denen Fehler passiert sind? Die beste Reflexion des eigenen Handelns entsteht aus Krisen, nicht aus permanentem Erfolg – aber wir nehmen lieber die Verabschiedung in Kauf , als dass wir das Potential dieser Krise erkennen und fördern. Stattdessen werden die freien Posten wieder mit  unbefleckten Westen besetzt. Sie dürfen solange bleiben, bis die nächste Tasse zu Bruch geht.

Fühlte sich der Zugdienstleiter in absehbarer Zeit wieder in der Lage, seine Arbeit weiter auszuüben, so gäbe es sicherlich niemanden, der das mit größerer Sorgfalt tun könnte als er.