Schlagwort: Ahnen

Rosemarie

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In der Nacht treibe ich mich auf einer Hochzeit herum.

Auch Tomma und Moritz sind eingeladen. Außerdem der Wolf. Keiner weiß von der Anwesenheit der anderen. Die Räume sind voller Gäste, es ist eng, es ist dunkel, es ist laut. Ich jage Tomma schreiend und weinend durch lange breite Gänge, versuche, sie zu greifen, sie läuft weinend vor mir weg, ich erwische sie am Ärmel, zerre sie zu Boden und schreie: „ERKLÄR´S MIR, TOMMA, VERFLUCHT, ERKLÄR´S MIR!!!“ Tomma reisst sich immer wieder schreiend und weinend los: „ICH KANN ES NICHT, ICH WILL ES NICHT ERKLÄREN!!!“

Ich stolpere ihr weiter hinterher und immer wieder kreuzt der Wolf unsere Wege an der einen oder anderen Stelle und im Kampf achte ich jedesmal, wenn er in der Nähe ist, darauf, dass Tomma ihn nicht sehen muss und ich sie rechtzeitig in eine andere Richtung abdränge. Ich will nicht, dass ihr sein Anblick weh tut.

Von einer Brüstung sehe ich hinunter in den Tanzraum, ich sehe, dass zwischen all den Menschen Moritz und der Wolf aufeinander zugehen, noch, ohne sich zu sehen. „Jetzt schlag ihm doch endlich eine rein, Moritz“, denke ich.

Als ich wach werde, ist Polen offen. Mein Puls rast und ich bin soooo wütend und enttäuscht, dass man mich ausgeschlossen hat, obwohl ich mein Bestes versucht habe. Nicht mal Moritz hat nach all der Zeit den Arsch in der Hose, mich mal kurz zu fragen, ob´s mir gutgeht. Die Burgtüren sind hochgezogen und der Schloßherr positioniert sich solidarisch neben dem Burgfräulein. Ich bin bloß noch der dumme Frosch im Graben, der Schleim ins Haus trägt.

Und dann mache ich Blödsinn. Ich schreibe Moritz eine wütende Nachricht in der festen Annahme, dass er ganz genau versteht, was ich ihm sagen will und – natürlich – verständnisvoll reagiert.

Moritz versteht aber nur Bahnhof. Er antwortet sachlich und distanziert. Mir schießt das Blut in den Kopf. Und mir wird klar: der sitzt auf einem ganz anderen Boot als ich und hat nicht den Hauch einer Ahnung, was ich eigentlich sagen will. Und ich überschreite mal wieder eine Grenze. Das ist ja zur Zeit meine Spezialität. Ich bereue meine Nachricht sofort und schreibe ihm, dass es mir leid tut und ich einfach gerade noch eine schwierige Zeit habe. Moritz antwortet kurz und freundlich, dass er mir das Beste wünscht für alles, was kommt.

Ich schäme mich bis in den Erdkern hinein! Die taffe Jule , die immer alles und vor allem sich selbst im Griff hat, hat die Nerven verloren und ist zu einer durchgeknallten Psychopathin geworden, von der man jetzt wohl besser Abstand hält. Moritz verrammelt bestimmt sicherheitshalber alle Türen und Fenster, falls ich doch mal mit einem Steakmesser vorbeischauen möchte….

Jetzt hilft nur noch Cognac.

Oder Rosemarie.

 

 

Rosemarie ruft pünktlich um 14 Uhr an. Ich kenne sie nicht und habe sowas noch nie gemacht. Und zudem glaube ich auch nicht an solchen Quatsch. Aber meine Freundin Chrissi schwört auf Rosemarie und ich würde gerade alles Geld der Welt bezahlen, damit jemand meine Seele pampert und ein bisschen lieb zu mir ist. Wahrscheinlich würde ich mir gerade sogar auf einer Kuschelparty von jemand Fremdem das Köpfchen und noch ein bisschen mehr streicheln lassen. Ich bin ein echt mordsverzweifelter Klumpen.

„Hallo Jule. Glaubst du an Gott oder irgendeine höhere Macht? Die Schöpfung oder eine Energie, die alles zusammenhält?“

„Hm. Ja, irgendwie sowas…“ Ich will´s nicht gleich zu Anfang versauen.

„Dann setz oder leg dich mal gemütlich hin, kuschel dich ein, nimm dir eine Decke, stell den Hörer auf laut.“

Ich lege mich auf mein Sofa und stopfe mir mein Bettkissen unter den Kopf. Decke brauch ich nicht, ist warm genug und das wird jawohl nicht ewig dauern. Den Hörer lege ich neben mich auf´s Kissen. „Sag mir was Liebes, Rosemarie“, denke ich. Und dann erzähle ich ihr kurz, worum es geht.

„Ich gehe jetzt auf die Thetaebene und verbinde mich mit Schöpfung. Dann nehme ich dich mit dorthin. Du erreichst automatisch diesen Zustand, das ist ein bisschen so, wie kurz bevor man einschläft.“

„Hmhm….“, murmele ich schwach.

Lange Pause. Dann meldet sich Rosemarie wieder. Sie klingt sehr seltsam.

„Schö.pfung. em.pfängt. dich. in.un.er.schöpf.licher. Lie.be. und. Mitge.fühl. Schö.pfung. sen.det heil.sames. Licht. und alles über.strahl.ende. Leb.ens.ener.gie.“

Geiler Trick, denke ich, und heule schon ein bisschen. Aber ich will mir Mühe geben, denn das hier kostet schließlich Geld und dafür hätte ich auch gerne was, bitteschön.

Dann fragt mich Rosemarie, was sich an dieser Situation am schlimmsten anfühlt für mich.

„Ich fühle mich sehr verlassen“, stammele ich und meine Wimperntusche geht eine kontrastreiche Liaison mit der blütenweissen Bettwäsche ein. Ich schluchze schwer.

„Ah ja…..Schöpfung gibt mir ein, das stimmt….woher glaubst du, kommt das? Bist du schonmal verlassen worden, kennst du das Gefühl irgendwoher?“

„Ja, meine Mutter hat mich verlassen….“ Ich komme mir ein bisschen doof vor, als ich das sage, rotze aber kooperativ in mein Kissen.

„Hm, jaja, Schöpfung sieht das…da ist auch noch eine energetische Verbindung zu deiner Mutter….Schöpfung löst die jetzt auf, ihr braucht die nicht mehr. Deine Mutter hat ihre eigene Geschichte, sieht Schöpfung, die sie zu dem Menschen hat werden lassen, mit dem du leben musstest. Ihr braucht euch jetzt nicht mehr. Schöpfung löst diese Verbindung jetzt auf………“

Ich stelle mir vor meinem inneren Auge ein bisschen Licht zwischen meiner Mutter und mir vor, dass sich langsam in der Mitte teilt und jeder kriegt sein eigenes Licht zurück, bis es keine Verbindung mehr zwischen uns gibt. Visualisieren ist nämlich meine Spezialität, das kriege ich immer sehr schön plastisch auf die Kette. Ich bin eine echte Visualisationskanone.

„Schöpfung sieht den Glaubenssatz `ich bin es nicht wert, geliebt zu werden ´ auf allen Ebenen, auf deiner historischen, körperlichen, seelischen Ebene und in deiner DNA. Schöpfung möchte diesen Satz jetzt von dir nehmen. Bist du einverstanden?

„Ja….“, stammele ich. Mir ist ein bisschen kalt.

(Alienstimme): „Schö.pfung. nimmt. diesen. Glau.bens.satz. nun von dir. – ah ja….“, sagt Rosemarie, jetzt mit normaler Stimme. „Soooo, das ist nun auf drei Ebenen schon passiert, auf der seelischen geht´s ganz leicht, jaaaaa, aber auf deiner DNA, da sitzt das noch fest…..da ist wie so eine Narbe, das hat sich da schon richtig eingekerbt….warte mal, da ist noch jemand……aaaaah jaaaa, da sitzt ein Ahne neben dir, der will dir was mitteilen….gibt es jemanden in diesem Leben, der verstorben ist und zu dem du eine enge Bindung hattest?“

„Hm….nee….eigentlich nicht…..“

„Ah ja, jetzt sehe ich, der ist aus einem früheren Leben. Jaja.“

Netter Versuch, Rosemarie, denke ich…..war wohl bisschen daneben geraten mit der engen Bindung, ne? Aber ich ermahne mich innerlich und atme mich wieder in den Halbschlaf.

„Hm, ja, das ist aber nicht immer gut, wenn die Ahnen energetisch noch so nahe an uns dran sind, auch, wenn sie es nur gut meinen. Aber diese Energie blockiert dich hier eher. Schöpfung schickt den Ahnen jetzt mal ins Licht……Moment………………………………………so, das ist jetzt passiert…..Schöpfung schaut jetzt, ob es da noch mehr zu lösen gibt…ah ja, da sieht Schöpfung eine unglückliche Verbindung in deinem früheren Leben…..“

 Es geht gefühlt unendlich weiter. Glaubenssätze werden gelöst, durch schicke neue ersetzt, wenn ich es erlaube, zwischendurch gibt mir Alienstimmenschöpfung einen coolen download – so nennt es Rosemarie – und alle meine Zellen und meine ganze Aura werden mit unerschöpflicher Lichtenergie und alles überstrahlender Liebe durchströmt. Und mein butterweiches Hirn malt mir hübsche Bilder von diesen Vorgängen. Zwischendurch wird immer mal wieder der ein oder andere Ahne von meinem Sofa gejagt und ins Licht geschickt.  Ich warte darauf, dass mir von so viel göttlicher Energie doch jetzt bitte mal so richtig warm werde, aber ich merke nix und ich friere langsam echt.

Außerdem muss ich pinkeln.

Rosemarie redet und redet und Schöpfung arbeitet wie eine Bekloppte an mir rum. Ich beginne, mich ein bisschen zu langweilen. Zwischendurch blinzele ich mit den Augen und checke meinen Zustand. Theta is det nüscht, denke ich, reisse mich aber sofort wieder zusammen und versuche, mich zu entspannen. Die volle Blase und die kalten Füsse machen´s mir nicht leichter.

„…und wenn der Akku gleich leer ist…?“, schießt es mir durch den Kopf. „Entspann dich, Jule“, sage ich mir. „Mach schneller, Rosemarie“, denkt mein Gehirn.

Schöpfung ist endlich aus meinen früheren Leben und meiner Kindheit in der Gegenwart angekommen und erzählt mir was zu Tomma… „Dass sie gehen musste hat nichts mir dir zu tun. Aber sie hat ihre eigene Geschichte und Verletzungen. Sie kann das gerade nicht anders. Schöpfung kann jetzt nur mit dir arbeiten. Aber ich sehe da noch sehr viel Liebe und eine innige Verbindung zwischen Tomma und dir….“ Das hört sich schön an und vielleicht wird mein linker kleiner Zeh gerade doch ein bisschen warm… Gleichzeitig halte ich das für eine ganz geschickte Taktik von Rosemarie. Klar, so einen Spruch findet jeder geil.

Ich muss jetzt echt, echt pinkeln.

Nach 90 Minuten hat Schöpfung alle meine Schubladen ordentlich durchwühlt und findet keine bösen Glaubenssätze mehr. Ich darf die Augen öffen und fühle mich ganz ok und entspannt, aber das ist ja auch kein Wunder, ich habe ja gerade ne Ewigkeit betreut auf dem Sofa gelegen.

Rosemarie sagt, dass ich jetzt nicht weiter drüber nachdenken und mich lieber ablenken soll, mit Kino oder sowas. Und dass sie mir eine Rechnung schickt.

Ich renne zum Klo – und ja, jetzt fühle ich mich sogar erlöst. Dann lenke ich mich mit einer Fortbildung ab, gucke anschließend einen Film und ärgere mich ein kleines bisschen über das rausgeschmissene Geld und dass ich auf so ein Esojedöns reingefallen bin…

Fortsetzung folgt.

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