Lissabon

An Tag vier habe ich die Schnauze voll. Passend zu meiner entzündeten Seele hat sich eine der acht frisch erlaufenen Blasen an beiden Füssen solidarisch mitentzündet und ich kann mich entscheiden zwischen „weiterlaufen und warten, bis der Zeh von alleine abfällt“ oder den Kreuzweg vorerst beenden und den Zeh noch ein paar Jahre behalten. Ich halte die verregnete, menschenleere Einsamkeit und die schweren, klammen Bettdecken, vor allem aber mich selbst nicht mehr aus, packe meinen Zeh in Watte und meine Klamotten in den Kofferraum und fahre nach Norden.

Lissabon.

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Die Stadt ist ein Segen und umhüllt meine angekratzte Seele wie sonnenwarmer dicker Honig. Acht Tage nach meiner Abreise habe ich es endlich geschafft. Mein Geist und mein Körper sind langsam geworden, ich höre endlich auf zu suchen. Ich bin nur noch da, wo ich gerade bin. Ich halte meine Nase am Kaaaaaahsch do Sodreeeee in die Sonne, bis sie mir Sommersprossen auf die Wangen zeichnet und nähre meinen Körper mit Tinto de Alantejo und Bacalhau in sämtlichen Varianten. Stockfischpürree. Stockfischpastete. Stockfisch gebraten. Stockfischpaella. Stockfisch pochiert. Stockfischkroketten….Der Mann, den ich nicht treffen sollte, hat mich zuvor mit den besten Geheimtipps seiner Zweitheimat versorgt. Mit meinem in betaisodonnawattegewickelten und flipflopgelüfteten Zeh schlurfe ich also auf seinen Pfaden durch die warmen Gassen, in die schönsten Ecken, die hübschesten Cafés, die besten Restaurants und die entspanntesten Oasen schönen Lebens in Lissabon. Und dann fühle ich, wie sich der lähmende Schock, der mich die letzten Wochen vollkommen vereinnahmt und ausser Gefecht gesetzt hat, aus meinem Körper verabschiedet. Der ewige starre Krampf weicht aus meinen Muskeln und ich werde endlich wieder weich. Ich bin nur noch traurig, aber auf eine warme und sichere Weise. Wenn die Tränen kommen, lasse ich ihnen in bunten Hauseingängen, vor Käsekühltheken, in Klokabinen und der hinteren Tramsitzreihe freien Lauf, aber endlich entlastet es mich und erschöpft mich nicht mehr so unendlich. Die durch das Heulen verbrauchten Kalorien führe ich mit puddinggefüllten Natas regelmässig wieder zu. Prophylaktisch setze ich die Dosis erstmal hoch an, 4x täglich zur Sicherheit, damit ich nur nicht zu schwach werde.

Nun gut, es gibt die kleinen Ausfallmomente, in denen mir klar wird, dass ich gerade nicht ganz so alle Latten am Zaun habe. Als ich nach 25 Minuten Anstehen vor dem Kino des Planetariums bemerke, dass ALLE anderen Karten haben, nur ich nicht und mir klar wird, dass mich der Kassierer zuvor missverstanden hat (jaaaaa, in der Ausstellung ist der Eintritt frei, aber ich will den verdammten 3D-Sonne,Mond- und STERNÄÄÄÄÄÄÄFILM sehen!!!) stolpere ich heulend aus der Warteschlange und auf dem Platz vor dem Planetarium läuft mir dann schon schluchzend der Rotz aus der Nase vor Wut. Weil der blöde Kassierer mir nicht richtig zugehört hat. Weil das Leben mir nicht mal ne verfluchte Ablenkung von 30 Minuten Sternefilm gönnt!!! Mein inneres Kind ist kurz davor, sich brüllend und um-sich-schlagend auf den Museumsvorplatz zu werfen.

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Nach 14 Tagen komme ich weich, warm und auf mittlerweile ganz erträgliche Weise traurig wieder in meinem Lieblingsveedel an.

Aus dem Briefkasten fische ich eine Postkarte. Eiche im Sonnenuntergang. Ich habe so konsequent keine mails gelesen und keine Anrufe beantwortet, dass meine Ziehmutter während meiner Reise ohne mich gestorben und ohne mich beerdigt worden ist.

*

Klippenspringen

Alleine verreisen! Ein unbeschwert anarchistisches Abenteuer, ziel – und planlos ins Blaue hinein, von einem Tag zum nächsten, ich lasse mich treiben, der Geist ist weit und offen, die Tage ungezähmt und wild, ich bin mutig und frei, das Zurückkommen jedesmal voller Geschichten von inspirierenden Begegnungen!

So, jetzt mal zurück auf`n Teppich.

Mit dem schwerstmöglichen Felsen auf dem Herzen und außerhalb der Sommersaison ist Odesäääisch nicht eben der freundlichste Ort der Welt. Ich werde wie immer früh wach, pelle mich aus den klammen, muffigen Wolldecken und schmeisse mir was annähernd Wanderkompatibles über. Grundsätzlich flipfloppe ich, wo immer es geht. Das bringt mir meist verständnisloses Kopfschütteln ein. Ich bin vor Jahren mit einer überwiegend aus Rentnern bestehenden Gruppe zwei Wochen mit dem Zelt durch die Sahara geflipfloppt, begleitet von Berbern und 14 Kamelen. Da wären wir auch schon wieder bei den Schöffeljackenträgern, die in der Sahara natürlich allesamt gut voreingelaufene und auf Qualitätstennissocken gepolsterte Wanderschuhe trugen. Ich bin es mittlerweile gewohnt, dafür belächelt zu werden – das Ding hüpft tatsächlich in FlipFlops durch die Dünen, guck sich das einer an…

Nach mehreren Stunden Marsch die erste längere Pause unter einer Tamariske. Die Rentner pellen ihre angeschwollenen Schweißquanten aus den überhitzten Stiefeln, begutachten ihre sandgepeelten offenen Schrunden, schlagen den Sand aus den feuchten Socken und versuchen, das Gröbste mit DM-Hygienetüchern und Compeedpflastern zu beheben, natürlich immer noch in der festen Annahme, hier bestens für alles gerüstet zu sein.

Ich streife die FlipFlops ab. Die Füsse sind bis auf den dekorativen UrlaubsV-Ausschnitt gleichmässig braun. Ich spare mir den zeitlichen Umweg über die Feuchttücher und esse schonmal Melone.

Was trugen wohl die Berber an den Füssen…? McTreks waren´s nicht, soviel dazu.

 

Odeceixe. An Tag eins laufe ich zwanzig Kilometer. Alle dreissig Minuten ziehe ich meine Regenjacke an und wieder aus, hin und wieder guckt ein bisschen Sonne aus den Wolken. Warm wird es nicht. Ich habe mal wieder ganz optimistisch mediterranes Mandelblütenwetter erwartet und nix ordentliches zum Anziehen dabei. Mit den FlipFlops, dem kurzen Rock, der Strickweste und der gelben Regenjacke balanciere ich frierend an den Klippen entlang und sehe unfassbar bescheuert aus. Grundsätzlich nehme ich in den Urlaub nur die schrammeligsten Klamotten mit. Wenn ich dann da bin, tut es mir jedesmal leid, ich schäme mich und möchte tun, als sei ich Belgierin und die Sache damit normal. Aber ich muss ja beim Einchecken den Pass vorlegen. Ich fühle mich wie eine schweinezüchtende Rumänien aus dem regentrüben, schlaglochvernarbten Hinterland, fehlt nur noch das schrabbelige Kopftuch und selbst das hätte ich für alle Fälle dabei. Aber Möwen urteilen nicht.

Leider tritt der seelische Gleichmut nicht gleich mit der Landung am Flughafen und schon gar nicht gleich bei der ersten Wanderung ein. Die Brandung schlägt hart gegen die Klippen, die Gischt vernebelt die Sicht entlang der Küste, das Wetter ist abwechselnd scheisse und mittelscheisse. Und ich bin wütend. Wütend! wütend! wütend! auf Tomma und dass sie es tatsächlich fertiggebracht hat, mich aus ihrer Familie auszuschliessen. Tür zu, Tomma weg, Moritz weg, Kinder weg. Guck, wo du bleibst, Jule, denk mal drüber nach, was du mir da zugemutet hast. Aber vor allem: hau ab!

Ich stolpere also heulend und fluchend über die Klippen. Ich wollte einen idyllischen Selbstfindungstrip, mit duftendem Labdanum, würzigen Kräutern und zarten Frühlingsblüten in den sandigen und sonnenbeschienenen Dünen auf den Klippen der Westküste. Ich will Spaghettiträger und Sommersprossen, ich will die Krise sanft und sonnig, mit gebratener Dorade und einem Tinto aus dem Alentejo in einem Fischrestaurant bei Sonnenuntergang!

Stattdessen kriege ich doch Blasen an den Füssen. Um sechs wird es dunkel, die Restaurants öffnen im April. Aus der Dusche kommt nur kaltes Wasser. An einer Tanke kaufe ich eine Flasche Rotweinfusel, damit ich um halb neun besser einschlafen kann. Ab Tag drei bekomme ich dann doch Frühstück. Im Nebenraum summt ein Kühlschrank.

Allein verreisen.

Ein Bild sagt manchmal mehr als tausend Worte.

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 *

Ich reise allein.

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Flughafen Faro.

In das anerkennende Klatschen und Gegrunze nach überraschend mal wieder geglückter Landung mischt sich das eine oder andere rentnergeraunte „jaWOLL!“. Ich sinke verschämt etwas tiefer in meinen Sitz und meine ausufernde Sitzreihennachbarin schubst mir beim ausgiebigen Kramen in der Handgepäckablage trotzdem ihren weichen Hintern ins Gesicht. Eine Wolke von Laura Biagotti betäubt mich. Aus den Fliegertüren entleeren sich Schöffeljackenträger mit auf die Stirn geschobenen Gleitsichtbrillen in Gesundheitssandalen mit ergonomischen Fussbetten, außerdem ein Dutzend stiernackenbehaarter und allesamt potthässlicher Mitglieder der Hells´ Angels Dortmund. Die Schöffeljackenträger schlurfen ihren fesch gesträhnten Gabis zum Kofferband hinterher, die dort schon aufgeregt auf ihre pinken oder leopardengefleckten Rollkoffer warten. Aufgeregtes Gackern in der Reisegruppe der pensionierten Lehrer. „Kumma, Reinhardt, da kommt meiner, geh ma mehr nach vorn!“

Die Gabis gehen Pipi machen und legen Lippenstift und Haarpommade nach, während ihre Lehrergatten die arielweißen Socken zurechtziehen, die in Brustbeuteln verstauten Reisepapiere auf Vollständigkeit prüfen und die bunten Rollkoffer auf grauen Rollwägen verstauen.

 Ich klaube meinen verschrammelten Deuterrucksack vom Band, nehme den „nothing to declare-Ausgang“ und gehe zum Mietwagenschalter.

Das Schöffeljackengabigemisch sortiert sich am Ausgang zu verschiedenen Schildchenträgern, die wahlweise mit „SunshineTours“ und „Albufeira Grand Hotel“ betitelt sind. Gleich werden sie häppchenweise von klimatisierten Reisebussen verschluckt, die sie in die Residenzen ihrer Roland Kaiser Double – animierten Träume schaukeln werden.

 Ich werfe meinen Rucksack in den Kofferraum des Fiesta, lasse das Rentnerparadies der Algarve hinter mir und fahre an die Westküste Portugals nach Odeceixe. Odesäiiiisch…. Dort habe ich ein Zimmer für zwei Nächte. Für die nächsten zwei Wochen ist das erst mal alles, was ich weiß. Und dass ich konsequent für niemanden erreichbar sein werde. Ich werde keine mails lesen und nicht ans Telefon gehen.

Je westlicher ich fahre, desto kühler pustet der atlantische Wind durch das Autofenster. In Odeceixe fliegen die Wolken am Himmel so schnell vorbei, als könnten sie sich zwischen Regenmachen und Sonnedurchlassen nicht so recht entscheiden. Der Wind rupft an meinen Haaren.

Nachdem ich den Betreiber in der Kneipe nebenan gefunden habe checke ich in das deutlich altersschwache Hostel gleich am Marktplatz ein. Das Zimmer riecht muffig nach alten Pantoffeln und Tapetenpilz. Jorge schiebt mir eine kleine elektrische Heizung neben das feuchte Bett. Ich frage, wann es morgen Frühstück gibt. „Frühstück gibt´s erst ab April“, antwortet er.

 Zwei Wochen wandern, an der Westküste Portugals entlang der Rota Vincentina, alleine sein, nur das Meer, die Klippen und ich und vielleicht finde ich mich ja sogar ein bischen. So mein Plan.

Ich werde es exakt vier Tage aushalten.

*

Freier Fall

 

Das Leben fickt mich gerade, ich habe leider keine anderen Worte dafür und auch keine Lust, eine freundlichere Umschreibung dafür zu suchen.

Es hat auf einen Schlag vier geliebte Menschen aus meinem Leben, aber leider nicht sorgfältig genug aus meinem Herzen seziert und mich zeitgleich aus meinem Haus herausgeschnitten und ein paar Stadtteile weiter in ein Achtfamilienhaus transplantiert. Es ist wohl davon ausgegangen, dass die Kiste schon wieder läuft, wenn es mich wieder an lebenserhaltende Maßnahmen wie WLAN und den öffentlichen Personennahverkehr angeschlossen hat. Aber weit gefehlt. Alles ist falsch.

Und als hätte mir das Leben in seiner sadistischsten Phase noch nicht ausreichend in die Fresse geschlagen, habe ich heute früh einen schönen beruflichen Auswärtstermin, zu dem ich demnächst täglich aufschlagen darf. Ich google die Adresse und kriege eine mittelschwere Krise. Tomma wohnt am Arsch der Welt, so weit entfernt, dass ich nicht wirklich Angst haben muss, dass wir uns in der Stadt begegnen könnten. Obwohl ich mir das ständig wünsche. Aber ICH fahre heute morgen an eben diesen schönsten Arsch der Welt. Ich kriege den Pickelplatz gleich nebenan und darf bald täglich über den Zaun auf den Schulhof stieren, auf dem Tommas´Sohn, mein geliebter blonder Fratz die Fussbälle kickt.

Leider kann man in meinem Beruf nicht von reiner Projekterfüllung sprechen, sonst würde ich Projekt „ schlage täglich bei Tomma um die Ecke auf“ sofort an einen dafür qualifizierteren Mitarbeiter abgeben. Aber so läuft das in meinem Beruf nun leider überhaupt nicht. Ich muss das erledigen oder wahlweise eine Entschuldigung haben, die mich mindestens verkabelt auf einer Intensivstation vorsieht. Na ja, ich bin privatversichert und schon alleine deshalb hätte ein Kardiologe sicher seine helle Freude an meinem gefühlt durchgängigen Kammerflimmern und seiner Aussicht auf eine durch mich finanzierte Goldmitgliedschaft im Tennisclub.

Das rasende Herz killt mich noch irgendwann. Mein Herz schlägt mit tausend Schlägen die Minute, fast wie der Flügelschlag eines Kolibris, der in der Luft steht und sich nicht zu bewegen scheint, während die Flügel in einem für das Auge kaum noch wahrnehmbaren Tempo rasen. Das tut mein verdammtes Herz , den ganzen langen Tag, ohne Pause. Es scheint unbeweglich und erstarrt, aber sein flacher unsichtbarer Puls rast in einem atemberaubenden Tempo und ich fühle mich permanent zittrig und nervös. Das kann man doch nicht lange überleben, denke ich und wage wieder daran zu glauben, dass man an Kummer tatsächlich verrecken kann. Ich fühle meinen Puls.

Puk. Puk. Puk. Ganz normal, denke ich und kann mir das beim besten Willen nicht erklären.

Ich schätze, Tomma macht ihre Hausaufgaben gut. Sie wird nach dem Zeitplan ihrer Meditationsapp jeden Morgen schneidersitzend Sonnenenergie in ihr Powerhouse inhalieren, ihren Körper anschließend mehrfach durch den Sonnengruß jagen und sich von ihrer Therapeutin Frau Pruse regelmässig darin bestärken lassen, dass es richtig und für ihre Entwicklung ganz wichtig war, mich zu verlassen. Sie wird sich vor allem genug Zeit dafür nehmen, nicht an mich zu denken. Alles wieder ganz normal werden zu lassen. Mit Moritz und den Kindern auf dem Sofa lungern, auf dem ich nie wieder sitzen werde, und dem blonden Fratz die fussbaldsockengeschwärzten Knubbelzehen drücken.

Ich dagegen sitze immer noch vor meinem Matheheft und verstehe die Aufgabe nicht.

Ich beschliesse  zu schwänzen und buche einen Flug ans Meer.

Zurücktreten, bitte.

In Süddeutschland sind zwei Züge ineinander gefahren.

Es ist von menschlichem Versagen die Rede. Der Zugdienstleiter hat einen Fehler gemacht, ein Signal nicht beachtet, einen Stecker gezogen, einen Knopf übersehen, ein System ausgeschaltet, einen Moment zu lange gezögert, eine falsche Entscheidung getroffen, wer weiß das schon genau. Zehn Menschen sind tot.

Der Zugdienstleiter wird vom Dienst freigestellt und man trauert öffentlich mit den Angehörigen. Die Ordnung muss wieder hergestellt, die Ursache gefunden und das Problem behoben werden. Denn das darf sich nie wiederholen.

Selbstverständlich wird es sich wiederholen. Das liegt in der Natur der Dinge. Fehlerhaftes Handeln liegt in der Natur des Menschen.

Ich glaube, der Moment des Fehlers, der Unachtsamkeit, folgt immer ähnlichen und wenigen Mustern. Die Konsequenzen daraus werden aber von vielen Variablen bestimmt. Manchmal fällt durch eine Unachtsamkeit ein Wasserglas vom Tisch. Ein anderes Mal sterben dabei Menschen. Der Fehler im Ursprung ist oft derselbe. Ist ein umsichtiger Autofahrer, der ein Kind überfahren hat, weil er eine Sekunde zu lang zur falschen Seite geblickt hat, schuldiger, als jemand, der versehentlich das Skript eines Freundes mit Kaffee übergißt…?

Für Menschen, die Fehler machen, haben wir keine Lösung. Wir haben Lösungen für Massenmörder, Pädophile, kriminelle Widerholungstäter. Es gibt Therapien, Reintegrationsmodelle oder Konzepte für die lebenslange Sicherheitsverwahrung. Aber wir kennen keinen gesunden Umgang mit Menschen, denen durch eine unbeabsichtigte Unachtsamkeit eben mehr als nur ein Tasse zerbrochen ist. Sie werden lieber nicht weiter integriert. Man fordert ihren Rücktritt, suspendiert sie, stellt sie frei – so macht man das wahlweise mit Zugdienstleitern oder auch Polizeipräsidenten nach verunglückten Sylvesternächten. Man ersetzt sie zügig, denn sie wären ein ewiges Mahnmal der Tragödie oder dessen, was nicht hätte passieren dürfen. Und das halten wir nicht aus.

Das ist eine absurde Fehlerkultur und ich verstehe sie nicht. Warum können diese Menschen nicht ihre Arbeit weiter machen und an ihren Fehlern wachsen? Warum kennen wir keine offene und wertfreie Auseinandersetzung mit Menschen, denen Fehler passiert sind? Die beste Reflexion des eigenen Handelns entsteht aus Krisen, nicht aus permanentem Erfolg – aber wir nehmen lieber die Verabschiedung in Kauf , als dass wir das Potential dieser Krise erkennen und fördern. Stattdessen werden die freien Posten wieder mit  unbefleckten Westen besetzt. Sie dürfen solange bleiben, bis die nächste Tasse zu Bruch geht.

Fühlte sich der Zugdienstleiter in absehbarer Zeit wieder in der Lage, seine Arbeit weiter auszuüben, so gäbe es sicherlich niemanden, der das mit größerer Sorgfalt tun könnte als er.

Zeit & Vergessen

Ich muss mir keine Gedanken mehr darüber machen, dass ich meine Trauerarbeit nicht ordentlich erledige und mich stattdessen ständig ablenke.

Sie erledigt nämlich mich und heute hat sie mich dick und fett in ihrem Kalender angestrichen.

Heute bin ich ein Hund, den man erst getreten und dann vor die Tür gesetzt hat, bloß weil er zweimal auf den Teppich gepinkelt hat. Ich verstehe die Welt nicht und sitze winselnd vor der Tür in der Hoffnung, dass der kleine blonde Junge mit der fetten Zahnlücke und den Sommersprossen aufmacht und mich bitte wieder drückt.

Wie lange dauert das eigentlich, bis man von Kindern vergessen wird…

Es ist jetzt vier Wochen her, seit Tomma und ich uns getrennt haben. Wahrscheinlich könnte ich gerade noch so wieder auftauchen und so tun, als sei nichts gewesen und es würde sich schnell wieder so anfühlen wie vorher. Der kleine blonde Junge würde sich von mir wieder die Zehen drücken lassen und Anna würde mir die Fingernägel ganz selbstverständlich mit türkisen Streifen verzieren. Wir würden nicht viel erklären müssen und alles wäre wieder wie vorher.

Wann verstreicht eigentlich dieser Zeitpunkt? Wann werden wir uns fremd? Wenn der blonde Fratz aus seinem Fussballhemd und Anna aus ihrem Faible für Youtuber mit Flaumbärtchen gewachsen ist? Wann wechselt der Moment, in dem unser Wiedersehen nicht mehr selbstverständlich, sondern plötzlich betreten und unbeholfen  wäre? In weiteren vier Wochen? Drei Monaten, einem halben Jahr…?

Vielleicht ist der Zeitpunkt auch schon längst verstrichen und nur ich habe das noch nicht begriffen.

Der blonde Fratz ist neun. Ich weiß, dass Tomma mit ihm gesprochen und ihm erklärt hat, dass ich nicht wiederkomme. Vielleicht hat er kurz ein bischen geweint. Dann ist er sicher Fussballspielen gegangen und alles war wieder gut.

 

Fassadenarbeit

„Sie werden hier heute nicht glücklich rausgehen. Was Sie brauchen ist eine Augenlidstraffung.“

Dr. Berthold zieht die Haut an meinen Unterlidern lang und lässt abrupt los. „Da. Sehen Sie. Da ist einfach zuviel Haut. Da kann man mit Hyaluron nicht viel machen.“ Ich kneife die Augen zusammen und die Hautüberschussfalte legt sich gemütlich und schlapp auf meinem undefinierten Jochbein ab. Eigentlich hatte ich an meinem Augenspeck noch nie etwas auszusetzen, ganz im Gegenteil. Jetzt bin ich fast versucht, das anders zu sehen…Dr. Berthold versteht sein Geschäft, das sehe ich gleich. Das Foto, das er von mir gemacht hat, zeigt mich genauso bezaubernd und ausgeschlafen, wie ich es sonst nur in neonbeleuchteten Aufzugspiegeln empfinden kann. Ich bin sicher, dass der Untersuchungsraum ganz in umsatzfördernder Absicht mit Leuchtstoffröhren von oben beleuchtet wird.

Ich betrachte die tiefen Furchen und das blassgraue Portrait auf seinem Rechner, das doch irgendwie ich sein soll und komme ins Grübeln. „Und Sie haben einen Unterkiefer wie eine Bulldogge. Mit Ihrem Masseter könnten Sie ja menschliche Unterschenkel zermalmen. Gucken Sie doch mal, wie quadratisch Sie sind! Kauen Sie Kaugummi? Knirschen Sie mit den Zähnen?“

Wenn irgenein Mensch auf diesem Planeten in den letzten Wochen und Monaten Grund gehabt hätte, mit den Zähnen zu knirschen, dann ja wohl ich, denke ich und nicke.

„Aber das ist kein Problem, da machen wir ein bischen Botox rein. Ein bischen links und rechts in den Muskel, dann verkümmert der und in drei Monaten haben Sie ganz feminine Gesichtszüge, einen ganz schmalen Unterkiefer, passen Sie auf.“ Dann macht er mich einen Kostenvoranschlag für die Augenlidstraffung. „Ich mach Ihnen 10 % Kolleginnenrabatt“, zwinkert er und ich denke „also, mein Job ist von deinem in etwa soweit entfernt wie Menderes Bagci vom Sex mit Giselle Bündchen…“

„Als, ich muss hier ehrlich gesagt nicht rausgehen und aussehen wie ein Topmodell…“„Aber warum denn nicht?“ fragt Dr. Berthold, legt den Kopf schief und grinst mich an.

Ich sage Herrn Berthold, dass er noch nicht an meinen Augen herumschnibbeln darf. Zumindest jetzt noch nicht. Er scheint ein bischen enttäuscht, dass sich die fleischliche Leinwand seinem ästhetischen Gestaltungsdrang nicht hinwirft. Aber mit dieser tiefen und überwiegend in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember erheulten Augenfalte (ich werde nie wieder eine 3D-Schlafaugenmaske als Staubecken für eine nächtliche Salzwasserflutung missbrauchen, nie wieder!)  werde ich diese Klinik heute nicht verlassen, das weiß ich mal ganz sicher. In meinem Alter verzeiht das Gesicht keine einzige rotwein – und tränengeschwängerte Nacht mehr, habe ich gelernt.

Fünf Minuten später liege ich auf dem Behandlungsstuhl. Dr. Berthold wühlt mit einer gigantischen Nadel in meinem Gesicht und ich möchte mir nicht vorstellen, wie das aussieht, was er da tut.

Er gibt mir einen Spiegel. Endlich passen mein Inneres und mein Äußeres nicht mehr zusammen. Ich bin an genau den richtigen Stellen geschwollen und fühle mich zum ersten Mal seit Ewigkeiten von meinem Spiegelbild wieder angemessen beschrieben.

Herr Berthold reicht mir ein gefriergekühltes Handtuch, anschließend darf ich in seine Knuspermandelschokoladentüte greifen. Ich bezahle einen Mittelklassegebrauchtwagen und Dr. Berthold sagt: „ Bis bald.“