Author: julemorgenrot

Ich bin Jule, 38, und natürlich ist das nicht mein richtiger Name, aber immerhin mein fast richtiges Alter. Vor kurzem habe ich meine beste Freundin und mit ihr und ihrer Familie die Menschen verloren, die mir in den letzten Jahren am meisten ans Herz gewachsen sind. Wenn man es ganz genau nimmt, hat mich Tomma mehr verlassen als ich sie. Natürlich ist das alles wegen einem Mann passiert, der nun trotz des ganzen Dramas nicht meiner sein wird, obwohl ich mir das sehr gewünscht hätte. Immerhin geht es nicht um den Mann, mit dem Tomma seit Jahren verheiratet ist - das wäre natürlich die klassische und einfachste Version gewesen, aber so hat es das Drehbuch meines Lebens nicht vorgesehen. Es bevorzugt grundsätzlich die kompliziertere Variante. Und obwohl ich mir noch regelmäßig die Zähne putze, zur Ablenkung gerade auch gerne zweimal täglich ins Kino gehe und nicht im Traum daran denke, mich über irgendeine Brüstung zu stürzen versucht die Traurigkeit doch täglich ihr Bestes, mich endgültig vom Teppich zu fegen. Sie hat einen sehr großen Koffer dabei und ich denke, sie möchte länger bleiben. Ich habe lange nicht mehr gedacht, dass man vor Kummer verrückt werden könnte, aber gerade bin ich mir nicht mehr ganz so sicher. Und da ich es nicht einsehe, einem Therapeuten wöchentlich 90 Flocken hinterherzuwerfen, damit er mir 50 Minuten lang nicht helfen kann, sich Tagebuchschreiben aber gerade anfühlt, als würde ich mich in mir selber einsperren und mir unendlich einsam erscheint gibt es nun also nur diesen einen Weg. Ich blogge sozusagen therapeutisch. Ich brauche ein Gegenüber, aber keine Reflexion. Dieser Blog ist meine Leinwand und der Raum für meine muntere Gestalttherapie. Ich werde mich darauf kreativ und emotional austoben und ich habe gerade verflucht viel Farbe im Topf. Natürlich schütze ich die Menschen, um die es geht - es gibt keine echten Namen und ich male deutlich über alle Linien hinaus. Aber ich klatsche verflucht nochmal solange Farbe auf diese Leinwand, bis alles wieder gut ist.

Im Laden

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Ich: „Ach, das ist aber ein flauschiger Pullover…schön…ist das echtes Fell?“

Sie: „Ja, das ist echtes Kaninchenfell. Toll, nicht…? So weich…“

Ich: „Ach so. Ja schade, aber dann lieber nicht…“

Sie: „Aber wieso denn nicht?“

Ich: „Na ja, das Kaninchen hat sein Fell ja sicher nicht freiwillig abgegeben.“

Sie: „Och…doch doch…das ist nicht schlimm für die Kaninchen, wirklich nicht.“

Ich: „Hm…das kann ich mir jetzt aber nicht vorstellen. Da geht es grausam zu auf den Pelztierfarmen. Haben Sie mal so PETA-Videos gesehen…? Die werden doch gerupft, bis sie bluten…“

Sie: „Aber nein, aber nein, das ist doch alles nicht die Realität! Mit denen wird ganz lieb umgegangen, das kommt doch aus Polen, dieses Fell, da macht man sowas nicht.Und die Kaninchen freuen sich ja auch, wenn wenn man denen das dicke Winterfell abnimmt! Ja, die mögen das sogar  – oder sehen sie hier irgendwo Blut dran?“

*

Rosemarie II

 

Ich habe drei Monate lang nur geweint. Jeden Tag, stundenlang. Für den Schmerz über den Verlust meiner Freunde und der Menschen, die ich zu meiner Familie gemacht habe, hatte ich keine Worte. Ich habe gekotzt statt gearbeitet, geheult statt geschlafen und bin 24 Päckchen Butter leichter geworden. Dieser Liebeskummer war atemberaubend und ich möchte schwören, er hätte mich irgendwann um die Ecke gebracht.

Dann kam Rosemarie. Und ich kann es noch immer nicht fassen: seit meinem Telefonat mit Rosemarie, seit Dienstag, 15:30 Uhr….es ist alles anders …und ich kann es einfach nicht begreifen.

Mir geht es eigentlich ganz ok seitdem. Ich denke noch immerfort an Tomma, an Moritz und die Kinder, die ich so sehr in mein Herz geschlossen habe. Aber ich denke auf eine eher sachliche und auch sehr liebevolle Weise darüber. Es tut nicht mehr weh, jedenfalls nicht mehr auf so grausame Weise wie in den letzten Monaten. Ich habe sehr, sehr, sehr vorsichtig versucht, diesen fürchterlichen Schmerz ein bisschen zurückzuerinnern oder zu provozieren – es gelingt mir nicht wirklich.

Es ist, als hätte man meine Festplatte komplett gelöscht.

In den ersten Tagen war ich schwer versucht, wieder an Wunder zu glauben. Ich wollte Räucherstäbchen anzünden, mit Trommelmusik im Wald meinen Namen tanzen und mich nur noch von Lichtenergie ernähren. Aber dafür bin ich letztendlich dann doch zu rational und daher suche ich nach Erklärungen. Hat Rosemarie mich vielleicht irgendwie hypnotisiert? Wache ich daraus plötzlich wieder auf die Tage und falle in das dreckige Schlammloch der Trauer zurück? Oder hat mir eine Stunde Seelestreicheln einfach nur so gut getan, dass danach sofortige Spontanheilung eintrat? Ein grandioser Placeboeffekt vielleicht…? Nein. Unmöglich. Vollkommen unmöglich. Dafür ist die Veränderung viel zu gravierend…

Ich spreche mit meiner Freundin Nina, die Psychologin ist, und glaube ich mich auf der richtigen Spur. Sie erzählt mir von speziellen traumatherapeutischen Techniken, z.B. EMDR, bei denen in den Untiefen des Gehirns, auf dem mandelkernwinzigen Planeten „Amygdala“, Gefühle von traumatischen Erinnerungen abgekoppelt werden können. Ich recherchiere. Ja, sowas gibt es. Und das wird in der Regel in mehrern Sitzungen und als Begleitmaßnahme zu einer psychotherapeutischen Behandlung erreicht. Und das dürfen nur Psychologen, die nach ihrer Psychoanalytischen Ausbildung dann noch dieses spezielle Verfahren lernen. Die haben das also jaaaahrelang studiert! Aha. Und das hat Rosemarie in nur EINER Stunde mit mir gemacht?! Per Telefon von Berlin nach Köln?!? Rosemarie, die mitfünfzigjährige Erzieherin, die wahrscheinlich an einem überteuerten spirituellen Heilerwochenende mit anderen bedürftigen  Hausfrauen auf  Lebenssinnsuche „ThetaHealing“  von einem barfüssigen Spinner gelernt hat…?

Was auch immer passiert ist: es hat meine komplette Systemsteuerung wieder auf Werkseinstellung gesetzt…

Ich zünde jetzt doch mal ein Räucherstäbchen an.

*

 

 

 

 

 

Rosemarie

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In der Nacht treibe ich mich auf einer Hochzeit herum.

Auch Tomma und Moritz sind eingeladen. Außerdem der Wolf. Keiner weiß von der Anwesenheit der anderen. Die Räume sind voller Gäste, es ist eng, es ist dunkel, es ist laut. Ich jage Tomma schreiend und weinend durch lange breite Gänge, versuche, sie zu greifen, sie läuft weinend vor mir weg, ich erwische sie am Ärmel, zerre sie zu Boden und schreie: „ERKLÄR´S MIR, TOMMA, VERFLUCHT, ERKLÄR´S MIR!!!“ Tomma reisst sich immer wieder schreiend und weinend los: „ICH KANN ES NICHT, ICH WILL ES NICHT ERKLÄREN!!!“

Ich stolpere ihr weiter hinterher und immer wieder kreuzt der Wolf unsere Wege an der einen oder anderen Stelle und im Kampf achte ich jedesmal, wenn er in der Nähe ist, darauf, dass Tomma ihn nicht sehen muss und ich sie rechtzeitig in eine andere Richtung abdränge. Ich will nicht, dass ihr sein Anblick weh tut.

Von einer Brüstung sehe ich hinunter in den Tanzraum, ich sehe, dass zwischen all den Menschen Moritz und der Wolf aufeinander zugehen, noch, ohne sich zu sehen. „Jetzt schlag ihm doch endlich eine rein, Moritz“, denke ich.

Als ich wach werde, ist Polen offen. Mein Puls rast und ich bin soooo wütend und enttäuscht, dass man mich ausgeschlossen hat, obwohl ich mein Bestes versucht habe. Nicht mal Moritz hat nach all der Zeit den Arsch in der Hose, mich mal kurz zu fragen, ob´s mir gutgeht. Die Burgtüren sind hochgezogen und der Schloßherr positioniert sich solidarisch neben dem Burgfräulein. Ich bin bloß noch der dumme Frosch im Graben, der Schleim ins Haus trägt.

Und dann mache ich Blödsinn. Ich schreibe Moritz eine wütende Nachricht in der festen Annahme, dass er ganz genau versteht, was ich ihm sagen will und – natürlich – verständnisvoll reagiert.

Moritz versteht aber nur Bahnhof. Er antwortet sachlich und distanziert. Mir schießt das Blut in den Kopf. Und mir wird klar: der sitzt auf einem ganz anderen Boot als ich und hat nicht den Hauch einer Ahnung, was ich eigentlich sagen will. Und ich überschreite mal wieder eine Grenze. Das ist ja zur Zeit meine Spezialität. Ich bereue meine Nachricht sofort und schreibe ihm, dass es mir leid tut und ich einfach gerade noch eine schwierige Zeit habe. Moritz antwortet kurz und freundlich, dass er mir das Beste wünscht für alles, was kommt.

Ich schäme mich bis in den Erdkern hinein! Die taffe Jule , die immer alles und vor allem sich selbst im Griff hat, hat die Nerven verloren und ist zu einer durchgeknallten Psychopathin geworden, von der man jetzt wohl besser Abstand hält. Moritz verrammelt bestimmt sicherheitshalber alle Türen und Fenster, falls ich doch mal mit einem Steakmesser vorbeischauen möchte….

Jetzt hilft nur noch Cognac.

Oder Rosemarie.

 

 

Rosemarie ruft pünktlich um 14 Uhr an. Ich kenne sie nicht und habe sowas noch nie gemacht. Und zudem glaube ich auch nicht an solchen Quatsch. Aber meine Freundin Chrissi schwört auf Rosemarie und ich würde gerade alles Geld der Welt bezahlen, damit jemand meine Seele pampert und ein bisschen lieb zu mir ist. Wahrscheinlich würde ich mir gerade sogar auf einer Kuschelparty von jemand Fremdem das Köpfchen und noch ein bisschen mehr streicheln lassen. Ich bin ein echt mordsverzweifelter Klumpen.

„Hallo Jule. Glaubst du an Gott oder irgendeine höhere Macht? Die Schöpfung oder eine Energie, die alles zusammenhält?“

„Hm. Ja, irgendwie sowas…“ Ich will´s nicht gleich zu Anfang versauen.

„Dann setz oder leg dich mal gemütlich hin, kuschel dich ein, nimm dir eine Decke, stell den Hörer auf laut.“

Ich lege mich auf mein Sofa und stopfe mir mein Bettkissen unter den Kopf. Decke brauch ich nicht, ist warm genug und das wird jawohl nicht ewig dauern. Den Hörer lege ich neben mich auf´s Kissen. „Sag mir was Liebes, Rosemarie“, denke ich. Und dann erzähle ich ihr kurz, worum es geht.

„Ich gehe jetzt auf die Thetaebene und verbinde mich mit Schöpfung. Dann nehme ich dich mit dorthin. Du erreichst automatisch diesen Zustand, das ist ein bisschen so, wie kurz bevor man einschläft.“

„Hmhm….“, murmele ich schwach.

Lange Pause. Dann meldet sich Rosemarie wieder. Sie klingt sehr seltsam.

„Schö.pfung. em.pfängt. dich. in.un.er.schöpf.licher. Lie.be. und. Mitge.fühl. Schö.pfung. sen.det heil.sames. Licht. und alles über.strahl.ende. Leb.ens.ener.gie.“

Geiler Trick, denke ich, und heule schon ein bisschen. Aber ich will mir Mühe geben, denn das hier kostet schließlich Geld und dafür hätte ich auch gerne was, bitteschön.

Dann fragt mich Rosemarie, was sich an dieser Situation am schlimmsten anfühlt für mich.

„Ich fühle mich sehr verlassen“, stammele ich und meine Wimperntusche geht eine kontrastreiche Liaison mit der blütenweissen Bettwäsche ein. Ich schluchze schwer.

„Ah ja…..Schöpfung gibt mir ein, das stimmt….woher glaubst du, kommt das? Bist du schonmal verlassen worden, kennst du das Gefühl irgendwoher?“

„Ja, meine Mutter hat mich verlassen….“ Ich komme mir ein bisschen doof vor, als ich das sage, rotze aber kooperativ in mein Kissen.

„Hm, jaja, Schöpfung sieht das…da ist auch noch eine energetische Verbindung zu deiner Mutter….Schöpfung löst die jetzt auf, ihr braucht die nicht mehr. Deine Mutter hat ihre eigene Geschichte, sieht Schöpfung, die sie zu dem Menschen hat werden lassen, mit dem du leben musstest. Ihr braucht euch jetzt nicht mehr. Schöpfung löst diese Verbindung jetzt auf………“

Ich stelle mir vor meinem inneren Auge ein bisschen Licht zwischen meiner Mutter und mir vor, dass sich langsam in der Mitte teilt und jeder kriegt sein eigenes Licht zurück, bis es keine Verbindung mehr zwischen uns gibt. Visualisieren ist nämlich meine Spezialität, das kriege ich immer sehr schön plastisch auf die Kette. Ich bin eine echte Visualisationskanone.

„Schöpfung sieht den Glaubenssatz `ich bin es nicht wert, geliebt zu werden ´ auf allen Ebenen, auf deiner historischen, körperlichen, seelischen Ebene und in deiner DNA. Schöpfung möchte diesen Satz jetzt von dir nehmen. Bist du einverstanden?

„Ja….“, stammele ich. Mir ist ein bisschen kalt.

(Alienstimme): „Schö.pfung. nimmt. diesen. Glau.bens.satz. nun von dir. – ah ja….“, sagt Rosemarie, jetzt mit normaler Stimme. „Soooo, das ist nun auf drei Ebenen schon passiert, auf der seelischen geht´s ganz leicht, jaaaaa, aber auf deiner DNA, da sitzt das noch fest…..da ist wie so eine Narbe, das hat sich da schon richtig eingekerbt….warte mal, da ist noch jemand……aaaaah jaaaa, da sitzt ein Ahne neben dir, der will dir was mitteilen….gibt es jemanden in diesem Leben, der verstorben ist und zu dem du eine enge Bindung hattest?“

„Hm….nee….eigentlich nicht…..“

„Ah ja, jetzt sehe ich, der ist aus einem früheren Leben. Jaja.“

Netter Versuch, Rosemarie, denke ich…..war wohl bisschen daneben geraten mit der engen Bindung, ne? Aber ich ermahne mich innerlich und atme mich wieder in den Halbschlaf.

„Hm, ja, das ist aber nicht immer gut, wenn die Ahnen energetisch noch so nahe an uns dran sind, auch, wenn sie es nur gut meinen. Aber diese Energie blockiert dich hier eher. Schöpfung schickt den Ahnen jetzt mal ins Licht……Moment………………………………………so, das ist jetzt passiert…..Schöpfung schaut jetzt, ob es da noch mehr zu lösen gibt…ah ja, da sieht Schöpfung eine unglückliche Verbindung in deinem früheren Leben…..“

 Es geht gefühlt unendlich weiter. Glaubenssätze werden gelöst, durch schicke neue ersetzt, wenn ich es erlaube, zwischendurch gibt mir Alienstimmenschöpfung einen coolen download – so nennt es Rosemarie – und alle meine Zellen und meine ganze Aura werden mit unerschöpflicher Lichtenergie und alles überstrahlender Liebe durchströmt. Und mein butterweiches Hirn malt mir hübsche Bilder von diesen Vorgängen. Zwischendurch wird immer mal wieder der ein oder andere Ahne von meinem Sofa gejagt und ins Licht geschickt.  Ich warte darauf, dass mir von so viel göttlicher Energie doch jetzt bitte mal so richtig warm werde, aber ich merke nix und ich friere langsam echt.

Außerdem muss ich pinkeln.

Rosemarie redet und redet und Schöpfung arbeitet wie eine Bekloppte an mir rum. Ich beginne, mich ein bisschen zu langweilen. Zwischendurch blinzele ich mit den Augen und checke meinen Zustand. Theta is det nüscht, denke ich, reisse mich aber sofort wieder zusammen und versuche, mich zu entspannen. Die volle Blase und die kalten Füsse machen´s mir nicht leichter.

„…und wenn der Akku gleich leer ist…?“, schießt es mir durch den Kopf. „Entspann dich, Jule“, sage ich mir. „Mach schneller, Rosemarie“, denkt mein Gehirn.

Schöpfung ist endlich aus meinen früheren Leben und meiner Kindheit in der Gegenwart angekommen und erzählt mir was zu Tomma… „Dass sie gehen musste hat nichts mir dir zu tun. Aber sie hat ihre eigene Geschichte und Verletzungen. Sie kann das gerade nicht anders. Schöpfung kann jetzt nur mit dir arbeiten. Aber ich sehe da noch sehr viel Liebe und eine innige Verbindung zwischen Tomma und dir….“ Das hört sich schön an und vielleicht wird mein linker kleiner Zeh gerade doch ein bisschen warm… Gleichzeitig halte ich das für eine ganz geschickte Taktik von Rosemarie. Klar, so einen Spruch findet jeder geil.

Ich muss jetzt echt, echt pinkeln.

Nach 90 Minuten hat Schöpfung alle meine Schubladen ordentlich durchwühlt und findet keine bösen Glaubenssätze mehr. Ich darf die Augen öffen und fühle mich ganz ok und entspannt, aber das ist ja auch kein Wunder, ich habe ja gerade ne Ewigkeit betreut auf dem Sofa gelegen.

Rosemarie sagt, dass ich jetzt nicht weiter drüber nachdenken und mich lieber ablenken soll, mit Kino oder sowas. Und dass sie mir eine Rechnung schickt.

Ich renne zum Klo – und ja, jetzt fühle ich mich sogar erlöst. Dann lenke ich mich mit einer Fortbildung ab, gucke anschließend einen Film und ärgere mich ein kleines bisschen über das rausgeschmissene Geld und dass ich auf so ein Esojedöns reingefallen bin…

Fortsetzung folgt.

*

„There´s a crack…

 

…in everything. That´s how the light get´s in.“

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Jule hat immer alles im Griff.

Mit vierzehn verdiene ich mein erstes eigenes Geld. In Heikes´Hundepension. Für fünf Mark die Stunde sammle ich Hundekacke aus dem Hof, kehre den Gang zwischen den Zwingern und traue mich nie bis zum letzten, an deren Gitter sich sonst schäumend der schwarze Rottweiler wirft, wenn ich mich ihm nähere.

Mit achtzehn gehe ich weg von Zuhause, nehme mir eine winzige Wohnung, verdiene Geld und studiere  und habe die beste Zeit meines Lebens. Ich verliebe mich in einen depressiven Assistenzarzt und er sich in mich. Wir haben eine stille und besondere Zeit miteinander und verbringen sie nachts unter Brücken, in der Musikbücherei, im Park, bei Vollmond im Grubenteich und im Bett, natürlich. Nach zwei Jahren geht er nach Stralsund und ich nach Freiburg.“ Ich komme mit dir“, sage ich. Ich mache blau, wir packen den Sprinter und fahren dorthin, wo die Bäume  im Sand stehen und Bernstein an den Strand gespült wird. Wir haben zehn Tage am Sund, die zu den schönsten meines Lebens werden sollen. Wir sprechen nie darüber, aber wir wissen beide: danach sehen wir uns nie wieder. Als ich zurückkomme schalte ich den Fernseher ein und zwei Flugzeuge fliegen in zwei Türme und von da an ist dieser Tag nicht mehr nur für mich eine Tragödie.

Ich kaufe mein erstes eigenes Auto, einen schwarzen Golf, am Strassenrand. Die Reifen wechsele ich selbst, Geld habe ich nicht dafür. Zum Frühstück gibt´s Haferflocken und sonst immer Nudeln, und wenn ich genug gespart habe, gibt´s Scampi mit Aioli und Rotwein und Musik und ich lade meine Freundin ein, die damals noch nicht Tomma heißt, und wir tanzen.

Auf den Tag folgt die Nacht und auf die Nacht der Tag, auf den Sommer der Herbst und der Winter und alles dreht sich und nichts endet und geht weiter jeden Tag, ohne dass man irgendwas dazu tun muss und alles ist gut.

Ich gehe nach Köln mit 20 Euro in der Tasche, kaufe ein Bier und eine Pizza davon, das Auto verreckt im Regen an einer Kreuzung und eine Woche später habe ich einen Job und rette von jetzt an Leben.

„Die Jule, die hat nen Kopf auf den Schultern“, wird Moritz eines Tages über mich sagen.

Und irgendwann kommt Tomma. Mit einem Mann, dem Wolf, an ihrer Seite, der nicht ihrer ist, aber den sie liebt. Und sie lieben sich, und dann spricht Tomma mit Moritz und der Wolf muss gehen aus ihrem Leben und ihr Herz tut weh. Und ich lerne Moritz kennen und ihre Kinder. Ich bin da. Und ich bleibe. Die Kinder malen mich auf die Familienbilder und das ist schön irgendwie, wo ich doch keine eigene habe. Und es wird ein bisschen mein Zuhause und ich frage mich manchmal, ob das noch in Ordnung ist. Es ist in Ordnung, denke ich.

Und dann meldet sich der Wolf und will mich sehen. Ich zögere monatelang, dann treffe ich ihn, wir streifen durch den Wald, stundenlang, und reden und lachen, und ich mag ihn, den Wolf und Tomma sagt seit Monaten „Jule, eigentlich ist das dein Mann“. Und er ist schön, der Wolf, und still und aufmerksam und mich hat lange niemand mehr berührt. Ich rede mit Tomma und Moritz und Tomma sagt, sie kann das nicht. Und ich entscheide mich, für Tomma und Moritz und die Kinder. Weil ich sie liebe.                                             Dann sehe ich ihn doch, den Wolf. Ganz selten.

Und Tomma geht.

Dann beginnt mein Weinen und irgendwann sage ich dem Wolf, dass ich ihn zu gerne mag, was soll ich schon verlieren. Und dann geht auch der Wolf. Er geht sehr umständlich, aber er geht.

Und dann ist jetzt.

*

 

Käsemeerschwein

…und dann besucht mich Tomma doch.

Die Kinder haben nach mir gefragt und ich darf sie besuchen. Tomma und Moritz haben das Haus verlassen, während ich dort einen Vormittag mit Anna und dem Fratz verbringe. Plötzlich merke ich, dass wir nicht verabredet haben, wann ich wieder weg sein soll und mir wird klar, dass Tomma ja jederzeit nach Hause kommen könnte. Ich möchte gehen – zu spät. Der Schlüssel dreht sich im Schloß und Tomma kommt nach Hause. Wie sehen uns zum ersten Mal seit der Trennung. Mir ist sehr sehr unangenehm, dass ich nicht rechtzeitig gegangen bin, das sage ich Tomma und möchte mich auf den Weg machen. „Ach, ist doch nicht schlimm“, sagt Tomma, ihr scheint das tatsächlich nicht viel auszumachen. Ich verabschiede mich von Anna, dann drücke ich den Fratz, er springt an mir hoch, strahlt mich mit seiner Zahnlücke an, ich strubbel ihm durch die blonden Haare. Ich sage „mach´s gut, Süßer“ und versuche zu tun, als sähen wir uns jetzt nicht zum letzten Mal. Ich muss durch den Flur zur Haustür. Die Türen im Flur, durch die ich hindurch muss, sind extrem seltsam eingebaut, eine Tür liegt waagerecht auf zwei Böcken, ich weiß gar nicht, wie ich da durchgehen soll, ob unten drunter durch oder….Tomma macht sie mir auf, schiebt die Tür vom Bock und macht mir den Weg zur Tür frei, den ich alleine nur unter Schwierigkeiten gehen könnte.

An der Tür spricht Tomma kurz und nebensächlich über den Mann, den ich hier nur „der Wolf“ nenne. Sie murmelt nebenbei “ um alles muss man sich bei dem selber kümmern, sogar um Verhütung.“ „Na, dann hab ich ja Glück gehabt“, sage ich, als ich durch die Tür gehe. Damit meine ich, dass ich Glück hatte, mich auf diesen Mann nie eingelassen zu haben. Tomma versteht, dass ich wohl Glück hatte, nicht schwanger geworden zu sein von ihm. Sie wendet sich ohne mich zu verabschieden von mir ab und geht in den Garten, als hätte sie schon längst vergessen, dass ich überhaupt da war.

Als ich davon wach werde ist es 3:16. Zeit für einen Notfallkäsekuchen. Das habe ich neu in meinem phantastischen Krisenprogramm. Die von bösen Träumen oder zuviel therapeutischem Rotwein provozierten nächtlichen Wachphasen werden ab sofort nämlich nicht mehr mit ziellosem Rumlungern in der Wohnung oder Flennen im Bett verbracht, denn das macht hässlich (und ich meine WIRKLICH hässlich! Es macht einen bleichen, teigigen Grottenolm aus mir!). Dieses Trauma wird ab sofort mit Käsekuchenbacken überschrieben. Und zwar mit dem „schnellen Käsekuchen von Bauck“, von dem ich ab sofort immer mindestens drei Packungen zuhause haben werde. Käsekuchen geht auch im Halbschlaf, Butter schmelzen, zusammenkloppen, bisschen körperliche Action , wenn ich das Ganze mit dem Schneebesen verrühre, das soll ja eh immer gut sein. Alle zehn Minuten gucken, dass der nicht schwarz wird, weil ich den neuen Ofen noch nicht so gut kenne und der ohne Aufsicht gerne flotte Schwarzarbeit leistet. Ich backe nachts Käsekuchen, so wie ein autistisches Kind therapeutisch ein Haustier versorgen darf. Käsekuchen is the new Therapiemeerschwein. Da muss ich mich drum kümmern und immer schön nach gucken, ohne, dass ich überfordert werde, dafür duftet die Wohnung nach ner Stunde beruhigend nach warmem Kuchen, ich bin wieder müde und gehe schlafen.

Krise irgendwann erledigt, Jule fett.

So sei es.

*

In der Behindertenwerkstatt

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Heilungsfortschritte in der Seelenklempnerei verlaufen weder linear und schonmal gar nicht exponentiell, lerne ich als nächstes. Der nächste Scheißtag prügelt mich schon beim Wachwerden mit einer heftigen Rechten in die Herzgegend nieder, kaum habe ich die Augen auf, da versaue ich mir für die nächsten 24 Stunden meinen Teint mit roten Flecken und einer Salzwasserintensivbehandlung. Ich habe mal wieder von Moritz, Tommas´ Mann, geträumt. Irgendwie fehlt er mir zur Zeit am schlimmsten. Moritz besucht mich regelmässig im Traum, hin und wieder mal eines der Kinder. Tomma besucht mich nie.

Heute Nacht ist Moritz also in mein mittelalterliches 10-Seelen-Dorf im Wald gekommen, in das ich mich nach der Trennung vom Rest der Welt abgeschottet habe. Ich lebe dort unter freiem Himmel auf einem Moosbett, sammle Beeren und Kräuter und wasche gerade meine Felle im eisigen Fluss, als der schwarze Ritter ( ja, wat kann ich für meine Träume…) vorbeigaloppiert um mir mitzuteilen, dass Moritz in das Dorf gekommen ist, um hier um mich zu trauern. Ich gehe zum Dorfplatz, dort sitzt Moritz in einem knisternden Hemd aus Alufolie auf dem Boden, er hat fünf Klangschalen mitgebracht, die er im Halbkreis vor sich aufgestellt hat. Moritz wird mit mir nicht reden, es wird keinen Blickkontakt zwischen uns geben, das weiß ich. Aber er ist in mein Dorf gekommen, weil auch er sehr traurig ist, dass ich nicht mehr da bin. Er erklärt den Dorfleuten, die sich um ihn herum versammeln, dass er vierzehn Tage bleiben wird. Er wird vierzehn Tage schweigend vor seinen Klangschalen sitzen, vierzehn Tage um mich weinen, weil ich nicht mehr in seinem Leben bin. Danach, sagt er, wird er fertig sein mit mir. Moritz lacht entschuldigend:“ Nur was man anzieht für so ne Zeremonie, da hatte Google keine Antwort drauf. Da dacht ich, ach, Alufolie macht Sinn, schon wegen der Strahlung und so. Hab ich mir halt was genäht.“                                      Aus der Ferne sehe ich ihn an. Da sitzt er, er lächelt müde und ich sehe die Verzweiflung über meinen Verlust in seinen Augen. Moritz. Ihn vermisse ich wahnsinnig, diesen schönen, klugen und warmherzigen Menschen mit der tiefen Seele. Ich bin sehr tief berührt, dass ich ihm genauso fehle, wie er mir. Jetzt haben wir noch vierzehn gemeinsame Tage, die wir Gedanken ganz nah miteinander verbringen werden. Sehen werden wir uns nicht. Danach geht er in sein Leben zurück und alles ist gut. Ein Leben, das irgendwie auch fast mal ein bisschen meins war. Ich werde sehr viel länger brauchen als er.

Den Tag nach diesem Traum werde ich nur mit Betreuung überleben. Ich lege mir einen der für diese Ausbrüche unkontrollierten Tränenvergiessens prophylaktisch eingefrorenen Teelöffel auf die Augenlider und google nach Imkes´ Nähschule. In meinem Schrank hängt ein noch nicht fertiggenähter Fummel aus dem Monat, in dem ich Modeschneiderin war. An meinen Wänden hängen unfertige Acrylbilder, aus der Zeit, als ich überzeugt war, ich sei Malerin. Die zweieinhalb vollgetippten Seiten aus meiner Zeit als Schriftstellerin sind sicher längst auf die nächsthöhere Stufe zu dreilagigem Klopapier reinkarniert. In der Ecke liegen Nike Air mit noch fast ganz sauberen Sohlen aus der Zeit, in der ich Marathonläuferin war. Im Moment bin ich Pianistin. Ach ja, und Bloggerin.

Imke hat für mich heute Abend noch einen Platz in ihrer Behindertenwerkstatt frei. Mit schlaffem Schritt schlurfe ich in ihr Nähatelier, sage niemandem „Hallo“ und vermeide jeglichen Augenkontakt zu den anderen Kursteilnehmern. Ich schliesse meine Nähmaschine an und mache mich träge und stumpf an die Arbeit. Unter allen zu Betreuenden ist die Autistin die, die am wenigstens Getätschel braucht. Mein nach aussen gerichteter Blick starrt stur auf den Fetzen Stoff vor mir, während mein inneres Auge den Kriegsschauplatz meines Herzens betrachtet. Die Schlacht ist vorbei, die Erde verbrannt und die noch pulvergeschwängerten Wolken am Himmel schwarz und schwer. Irgendwann werden sich das Gras, die Blumen und die Bäume das Land wieder zurückholen und man wird nichts mehr sehen von all dem, was passiert ist. Es hört auf. Es geht vorbei. Es geht vorbei. Es geht vorbei. Es geht vorbei….

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Aus den Lautsprecherboxen hypnobetrillern mich Amseln und anderes Federviech. Die Maschine quietscht, der Faden verheddert sich zum 4. Mal, ich habe die Spule falsch herum eingelegt. Minutenlang knuspele ich mit dem Fadenöffner an der verdröselten Naht herum. Dann schneide ich den Ärmel mitsamt missratener Naht einfach ab, was soll´s. Imke nickt verständnisvoll. „Dann kriegt das Kleid halt kurze Ärmel.“ Sie ist eine gute Autistenbetreuerin. Sie steht immer wieder neben mir, ist nie zu nah und nie zu laut. „Sieht doch schon sehr gut aus. Guck mal, schneidest Du hier noch die Ränder ab? Danach kannst du die Kanten versäubern, aber warte da mal, da komm ich dann erst nochmal zu dir.“ Imke erwartet gar nichts von mir, keine Frage, keine Entscheidung und schon gar keine gerade Naht.

Und dann fällt meiner Werktischnachbarin die Dose mit den Stecknadeln runter. Gleich schwanke ich sicher ein bisschen hospitalistisch von einem Fuss auf den anderen und während sich ein glänzender Speichelfaden aus meinem Mundwinkel seilt, murmele ich abwesend „367“.

Heute bin ich Rain Woman.

*

Lissabon

An Tag vier habe ich die Schnauze voll. Passend zu meiner entzündeten Seele hat sich eine der acht frisch erlaufenen Blasen an beiden Füssen solidarisch mitentzündet und ich kann mich entscheiden zwischen „weiterlaufen und warten, bis der Zeh von alleine abfällt“ oder den Kreuzweg vorerst beenden und den Zeh noch ein paar Jahre behalten. Ich halte die verregnete, menschenleere Einsamkeit und die schweren, klammen Bettdecken, vor allem aber mich selbst nicht mehr aus, packe meinen Zeh in Watte und meine Klamotten in den Kofferraum und fahre nach Norden.

Lissabon.

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Die Stadt ist ein Segen und umhüllt meine angekratzte Seele wie sonnenwarmer dicker Honig. Acht Tage nach meiner Abreise habe ich es endlich geschafft. Mein Geist und mein Körper sind langsam geworden, ich höre endlich auf zu suchen. Ich bin nur noch da, wo ich gerade bin. Ich halte meine Nase am Kaaaaaahsch do Sodreeeee in die Sonne, bis sie mir Sommersprossen auf die Wangen zeichnet und nähre meinen Körper mit Tinto de Alantejo und Bacalhau in sämtlichen Varianten. Stockfischpürree. Stockfischpastete. Stockfisch gebraten. Stockfischpaella. Stockfisch pochiert. Stockfischkroketten….Der Mann, den ich nicht treffen sollte, hat mich zuvor mit den besten Geheimtipps seiner Zweitheimat versorgt. Mit meinem in betaisodonnawattegewickelten und flipflopgelüfteten Zeh schlurfe ich also auf seinen Pfaden durch die warmen Gassen, in die schönsten Ecken, die hübschesten Cafés, die besten Restaurants und die entspanntesten Oasen schönen Lebens in Lissabon. Und dann fühle ich, wie sich der lähmende Schock, der mich die letzten Wochen vollkommen vereinnahmt und ausser Gefecht gesetzt hat, aus meinem Körper verabschiedet. Der ewige starre Krampf weicht aus meinen Muskeln und ich werde endlich wieder weich. Ich bin nur noch traurig, aber auf eine warme und sichere Weise. Wenn die Tränen kommen, lasse ich ihnen in bunten Hauseingängen, vor Käsekühltheken, in Klokabinen und der hinteren Tramsitzreihe freien Lauf, aber endlich entlastet es mich und erschöpft mich nicht mehr so unendlich. Die durch das Heulen verbrauchten Kalorien führe ich mit puddinggefüllten Natas regelmässig wieder zu. Prophylaktisch setze ich die Dosis erstmal hoch an, 4x täglich zur Sicherheit, damit ich nur nicht zu schwach werde.

Nun gut, es gibt die kleinen Ausfallmomente, in denen mir klar wird, dass ich gerade nicht ganz so alle Latten am Zaun habe. Als ich nach 25 Minuten Anstehen vor dem Kino des Planetariums bemerke, dass ALLE anderen Karten haben, nur ich nicht und mir klar wird, dass mich der Kassierer zuvor missverstanden hat (jaaaaa, in der Ausstellung ist der Eintritt frei, aber ich will den verdammten 3D-Sonne,Mond- und STERNÄÄÄÄÄÄÄFILM sehen!!!) stolpere ich heulend aus der Warteschlange und auf dem Platz vor dem Planetarium läuft mir dann schon schluchzend der Rotz aus der Nase vor Wut. Weil der blöde Kassierer mir nicht richtig zugehört hat. Weil das Leben mir nicht mal ne verfluchte Ablenkung von 30 Minuten Sternefilm gönnt!!! Mein inneres Kind ist kurz davor, sich brüllend und um-sich-schlagend auf den Museumsvorplatz zu werfen.

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Nach 14 Tagen komme ich weich, warm und auf mittlerweile ganz erträgliche Weise traurig wieder in meinem Lieblingsveedel an.

Aus dem Briefkasten fische ich eine Postkarte. Eiche im Sonnenuntergang. Ich habe so konsequent keine mails gelesen und keine Anrufe beantwortet, dass meine Ziehmutter während meiner Reise ohne mich gestorben und ohne mich beerdigt worden ist.

*

Klippenspringen

Alleine verreisen! Ein unbeschwert anarchistisches Abenteuer, ziel – und planlos ins Blaue hinein, von einem Tag zum nächsten, ich lasse mich treiben, der Geist ist weit und offen, die Tage ungezähmt und wild, ich bin mutig und frei, das Zurückkommen jedesmal voller Geschichten von inspirierenden Begegnungen!

So, jetzt mal zurück auf`n Teppich.

Mit dem schwerstmöglichen Felsen auf dem Herzen und außerhalb der Sommersaison ist Odesäääisch nicht eben der freundlichste Ort der Welt. Ich werde wie immer früh wach, pelle mich aus den klammen, muffigen Wolldecken und schmeisse mir was annähernd Wanderkompatibles über. Grundsätzlich flipfloppe ich, wo immer es geht. Das bringt mir meist verständnisloses Kopfschütteln ein. Ich bin vor Jahren mit einer überwiegend aus Rentnern bestehenden Gruppe zwei Wochen mit dem Zelt durch die Sahara geflipfloppt, begleitet von Berbern und 14 Kamelen. Da wären wir auch schon wieder bei den Schöffeljackenträgern, die in der Sahara natürlich allesamt gut voreingelaufene und auf Qualitätstennissocken gepolsterte Wanderschuhe trugen. Ich bin es mittlerweile gewohnt, dafür belächelt zu werden – das Ding hüpft tatsächlich in FlipFlops durch die Dünen, guck sich das einer an…

Nach mehreren Stunden Marsch die erste längere Pause unter einer Tamariske. Die Rentner pellen ihre angeschwollenen Schweißquanten aus den überhitzten Stiefeln, begutachten ihre sandgepeelten offenen Schrunden, schlagen den Sand aus den feuchten Socken und versuchen, das Gröbste mit DM-Hygienetüchern und Compeedpflastern zu beheben, natürlich immer noch in der festen Annahme, hier bestens für alles gerüstet zu sein.

Ich streife die FlipFlops ab. Die Füsse sind bis auf den dekorativen UrlaubsV-Ausschnitt gleichmässig braun. Ich spare mir den zeitlichen Umweg über die Feuchttücher und esse schonmal Melone.

Was trugen wohl die Berber an den Füssen…? McTreks waren´s nicht, soviel dazu.

 

Odeceixe. An Tag eins laufe ich zwanzig Kilometer. Alle dreissig Minuten ziehe ich meine Regenjacke an und wieder aus, hin und wieder guckt ein bisschen Sonne aus den Wolken. Warm wird es nicht. Ich habe mal wieder ganz optimistisch mediterranes Mandelblütenwetter erwartet und nix ordentliches zum Anziehen dabei. Mit den FlipFlops, dem kurzen Rock, der Strickweste und der gelben Regenjacke balanciere ich frierend an den Klippen entlang und sehe unfassbar bescheuert aus. Grundsätzlich nehme ich in den Urlaub nur die schrammeligsten Klamotten mit. Wenn ich dann da bin, tut es mir jedesmal leid, ich schäme mich und möchte tun, als sei ich Belgierin und die Sache damit normal. Aber ich muss ja beim Einchecken den Pass vorlegen. Ich fühle mich wie eine schweinezüchtende Rumänien aus dem regentrüben, schlaglochvernarbten Hinterland, fehlt nur noch das schrabbelige Kopftuch und selbst das hätte ich für alle Fälle dabei. Aber Möwen urteilen nicht.

Leider tritt der seelische Gleichmut nicht gleich mit der Landung am Flughafen und schon gar nicht gleich bei der ersten Wanderung ein. Die Brandung schlägt hart gegen die Klippen, die Gischt vernebelt die Sicht entlang der Küste, das Wetter ist abwechselnd scheisse und mittelscheisse. Und ich bin wütend. Wütend! wütend! wütend! auf Tomma und dass sie es tatsächlich fertiggebracht hat, mich aus ihrer Familie auszuschliessen. Tür zu, Tomma weg, Moritz weg, Kinder weg. Guck, wo du bleibst, Jule, denk mal drüber nach, was du mir da zugemutet hast. Aber vor allem: hau ab!

Ich stolpere also heulend und fluchend über die Klippen. Ich wollte einen idyllischen Selbstfindungstrip, mit duftendem Labdanum, würzigen Kräutern und zarten Frühlingsblüten in den sandigen und sonnenbeschienenen Dünen auf den Klippen der Westküste. Ich will Spaghettiträger und Sommersprossen, ich will die Krise sanft und sonnig, mit gebratener Dorade und einem Tinto aus dem Alentejo in einem Fischrestaurant bei Sonnenuntergang!

Stattdessen kriege ich doch Blasen an den Füssen. Um sechs wird es dunkel, die Restaurants öffnen im April. Aus der Dusche kommt nur kaltes Wasser. An einer Tanke kaufe ich eine Flasche Rotweinfusel, damit ich um halb neun besser einschlafen kann. Ab Tag drei bekomme ich dann doch Frühstück. Im Nebenraum summt ein Kühlschrank.

Allein verreisen.

Ein Bild sagt manchmal mehr als tausend Worte.

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Ich reise allein.

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Flughafen Faro.

In das anerkennende Klatschen und Gegrunze nach überraschend mal wieder geglückter Landung mischt sich das eine oder andere rentnergeraunte „jaWOLL!“. Ich sinke verschämt etwas tiefer in meinen Sitz und meine ausufernde Sitzreihennachbarin schubst mir beim ausgiebigen Kramen in der Handgepäckablage trotzdem ihren weichen Hintern ins Gesicht. Eine Wolke von Laura Biagotti betäubt mich. Aus den Fliegertüren entleeren sich Schöffeljackenträger mit auf die Stirn geschobenen Gleitsichtbrillen in Gesundheitssandalen mit ergonomischen Fussbetten, außerdem ein Dutzend stiernackenbehaarter und allesamt potthässlicher Mitglieder der Hells´ Angels Dortmund. Die Schöffeljackenträger schlurfen ihren fesch gesträhnten Gabis zum Kofferband hinterher, die dort schon aufgeregt auf ihre pinken oder leopardengefleckten Rollkoffer warten. Aufgeregtes Gackern in der Reisegruppe der pensionierten Lehrer. „Kumma, Reinhardt, da kommt meiner, geh ma mehr nach vorn!“

Die Gabis gehen Pipi machen und legen Lippenstift und Haarpommade nach, während ihre Lehrergatten die arielweißen Socken zurechtziehen, die in Brustbeuteln verstauten Reisepapiere auf Vollständigkeit prüfen und die bunten Rollkoffer auf grauen Rollwägen verstauen.

 Ich klaube meinen verschrammelten Deuterrucksack vom Band, nehme den „nothing to declare-Ausgang“ und gehe zum Mietwagenschalter.

Das Schöffeljackengabigemisch sortiert sich am Ausgang zu verschiedenen Schildchenträgern, die wahlweise mit „SunshineTours“ und „Albufeira Grand Hotel“ betitelt sind. Gleich werden sie häppchenweise von klimatisierten Reisebussen verschluckt, die sie in die Residenzen ihrer Roland Kaiser Double – animierten Träume schaukeln werden.

 Ich werfe meinen Rucksack in den Kofferraum des Fiesta, lasse das Rentnerparadies der Algarve hinter mir und fahre an die Westküste Portugals nach Odeceixe. Odesäiiiisch…. Dort habe ich ein Zimmer für zwei Nächte. Für die nächsten zwei Wochen ist das erst mal alles, was ich weiß. Und dass ich konsequent für niemanden erreichbar sein werde. Ich werde keine mails lesen und nicht ans Telefon gehen.

Je westlicher ich fahre, desto kühler pustet der atlantische Wind durch das Autofenster. In Odeceixe fliegen die Wolken am Himmel so schnell vorbei, als könnten sie sich zwischen Regenmachen und Sonnedurchlassen nicht so recht entscheiden. Der Wind rupft an meinen Haaren.

Nachdem ich den Betreiber in der Kneipe nebenan gefunden habe checke ich in das deutlich altersschwache Hostel gleich am Marktplatz ein. Das Zimmer riecht muffig nach alten Pantoffeln und Tapetenpilz. Jorge schiebt mir eine kleine elektrische Heizung neben das feuchte Bett. Ich frage, wann es morgen Frühstück gibt. „Frühstück gibt´s erst ab April“, antwortet er.

 Zwei Wochen wandern, an der Westküste Portugals entlang der Rota Vincentina, alleine sein, nur das Meer, die Klippen und ich und vielleicht finde ich mich ja sogar ein bischen. So mein Plan.

Ich werde es exakt vier Tage aushalten.

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