Käsemeerschwein

…und dann besucht mich Tomma doch.

Die Kinder haben nach mir gefragt und ich darf sie besuchen. Tomma und Moritz haben das Haus verlassen, während ich dort einen Vormittag mit Anna und dem Fratz verbringe. Plötzlich merke ich, dass wir nicht verabredet haben, wann ich wieder weg sein soll und mir wird klar, dass Tomma ja jederzeit nach Hause kommen könnte. Ich möchte gehen – zu spät. Der Schlüssel dreht sich im Schloß und Tomma kommt nach Hause. Wie sehen uns zum ersten Mal seit der Trennung. Mir ist sehr sehr unangenehm, dass ich nicht rechtzeitig gegangen bin, das sage ich Tomma und möchte mich auf den Weg machen. „Ach, ist doch nicht schlimm“, sagt Tomma, ihr scheint das tatsächlich nicht viel auszumachen. Ich verabschiede mich von Anna, dann drücke ich den Fratz, er springt an mir hoch, strahlt mich mit seiner Zahnlücke an, ich strubbel ihm durch die blonden Haare. Ich sage „mach´s gut, Süßer“ und versuche zu tun, als sähen wir uns jetzt nicht zum letzten Mal. Ich muss durch den Flur zur Haustür. Die Türen im Flur, durch die ich hindurch muss, sind extrem seltsam eingebaut, eine Tür liegt waagerecht auf zwei Böcken, ich weiß gar nicht, wie ich da durchgehen soll, ob unten drunter durch oder….Tomma macht sie mir auf, schiebt die Tür vom Bock und macht mir den Weg zur Tür frei, den ich alleine nur unter Schwierigkeiten gehen könnte.

An der Tür spricht Tomma kurz und nebensächlich über den Mann, den ich hier nur „der Wolf“ nenne. Sie murmelt nebenbei “ um alles muss man sich bei dem selber kümmern, sogar um Verhütung.“ „Na, dann hab ich ja Glück gehabt“, sage ich, als ich durch die Tür gehe. Damit meine ich, dass ich Glück hatte, mich auf diesen Mann nie eingelassen zu haben. Tomma versteht, dass ich wohl Glück hatte, nicht schwanger geworden zu sein von ihm. Sie wendet sich ohne mich zu verabschieden von mir ab und geht in den Garten, als hätte sie schon längst vergessen, dass ich überhaupt da war.

Als ich davon wach werde ist es 3:16. Zeit für einen Notfallkäsekuchen. Das habe ich neu in meinem phantastischen Krisenprogramm. Die von bösen Träumen oder zuviel therapeutischem Rotwein provozierten nächtlichen Wachphasen werden ab sofort nämlich nicht mehr mit ziellosem Rumlungern in der Wohnung oder Flennen im Bett verbracht, denn das macht hässlich (und ich meine WIRKLICH hässlich! Es macht einen bleichen, teigigen Grottenolm aus mir!). Dieses Trauma wird ab sofort mit Käsekuchenbacken überschrieben. Und zwar mit dem „schnellen Käsekuchen von Bauck“, von dem ich ab sofort immer mindestens drei Packungen zuhause haben werde. Käsekuchen geht auch im Halbschlaf, Butter schmelzen, zusammenkloppen, bisschen körperliche Action , wenn ich das Ganze mit dem Schneebesen verrühre, das soll ja eh immer gut sein. Alle zehn Minuten gucken, dass der nicht schwarz wird, weil ich den neuen Ofen noch nicht so gut kenne und der ohne Aufsicht gerne flotte Schwarzarbeit leistet. Ich backe nachts Käsekuchen, so wie ein autistisches Kind therapeutisch ein Haustier versorgen darf. Käsekuchen is the new Therapiemeerschwein. Da muss ich mich drum kümmern und immer schön nach gucken, ohne, dass ich überfordert werde, dafür duftet die Wohnung nach ner Stunde beruhigend nach warmem Kuchen, ich bin wieder müde und gehe schlafen.

Krise irgendwann erledigt, Jule fett.

So sei es.

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