In der Behindertenwerkstatt

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Heilungsfortschritte in der Seelenklempnerei verlaufen weder linear und schonmal gar nicht exponentiell, lerne ich als nächstes. Der nächste Scheißtag prügelt mich schon beim Wachwerden mit einer heftigen Rechten in die Herzgegend nieder, kaum habe ich die Augen auf, da versaue ich mir für die nächsten 24 Stunden meinen Teint mit roten Flecken und einer Salzwasserintensivbehandlung. Ich habe mal wieder von Moritz, Tommas´ Mann, geträumt. Irgendwie fehlt er mir zur Zeit am schlimmsten. Moritz besucht mich regelmässig im Traum, hin und wieder mal eines der Kinder. Tomma besucht mich nie.

Heute Nacht ist Moritz also in mein mittelalterliches 10-Seelen-Dorf im Wald gekommen, in das ich mich nach der Trennung vom Rest der Welt abgeschottet habe. Ich lebe dort unter freiem Himmel auf einem Moosbett, sammle Beeren und Kräuter und wasche gerade meine Felle im eisigen Fluss, als der schwarze Ritter ( ja, wat kann ich für meine Träume…) vorbeigaloppiert um mir mitzuteilen, dass Moritz in das Dorf gekommen ist, um hier um mich zu trauern. Ich gehe zum Dorfplatz, dort sitzt Moritz in einem knisternden Hemd aus Alufolie auf dem Boden, er hat fünf Klangschalen mitgebracht, die er im Halbkreis vor sich aufgestellt hat. Moritz wird mit mir nicht reden, es wird keinen Blickkontakt zwischen uns geben, das weiß ich. Aber er ist in mein Dorf gekommen, weil auch er sehr traurig ist, dass ich nicht mehr da bin. Er erklärt den Dorfleuten, die sich um ihn herum versammeln, dass er vierzehn Tage bleiben wird. Er wird vierzehn Tage schweigend vor seinen Klangschalen sitzen, vierzehn Tage um mich weinen, weil ich nicht mehr in seinem Leben bin. Danach, sagt er, wird er fertig sein mit mir. Moritz lacht entschuldigend:“ Nur was man anzieht für so ne Zeremonie, da hatte Google keine Antwort drauf. Da dacht ich, ach, Alufolie macht Sinn, schon wegen der Strahlung und so. Hab ich mir halt was genäht.“                                      Aus der Ferne sehe ich ihn an. Da sitzt er, er lächelt müde und ich sehe die Verzweiflung über meinen Verlust in seinen Augen. Moritz. Ihn vermisse ich wahnsinnig, diesen schönen, klugen und warmherzigen Menschen mit der tiefen Seele. Ich bin sehr tief berührt, dass ich ihm genauso fehle, wie er mir. Jetzt haben wir noch vierzehn gemeinsame Tage, die wir Gedanken ganz nah miteinander verbringen werden. Sehen werden wir uns nicht. Danach geht er in sein Leben zurück und alles ist gut. Ein Leben, das irgendwie auch fast mal ein bisschen meins war. Ich werde sehr viel länger brauchen als er.

Den Tag nach diesem Traum werde ich nur mit Betreuung überleben. Ich lege mir einen der für diese Ausbrüche unkontrollierten Tränenvergiessens prophylaktisch eingefrorenen Teelöffel auf die Augenlider und google nach Imkes´ Nähschule. In meinem Schrank hängt ein noch nicht fertiggenähter Fummel aus dem Monat, in dem ich Modeschneiderin war. An meinen Wänden hängen unfertige Acrylbilder, aus der Zeit, als ich überzeugt war, ich sei Malerin. Die zweieinhalb vollgetippten Seiten aus meiner Zeit als Schriftstellerin sind sicher längst auf die nächsthöhere Stufe zu dreilagigem Klopapier reinkarniert. In der Ecke liegen Nike Air mit noch fast ganz sauberen Sohlen aus der Zeit, in der ich Marathonläuferin war. Im Moment bin ich Pianistin. Ach ja, und Bloggerin.

Imke hat für mich heute Abend noch einen Platz in ihrer Behindertenwerkstatt frei. Mit schlaffem Schritt schlurfe ich in ihr Nähatelier, sage niemandem „Hallo“ und vermeide jeglichen Augenkontakt zu den anderen Kursteilnehmern. Ich schliesse meine Nähmaschine an und mache mich träge und stumpf an die Arbeit. Unter allen zu Betreuenden ist die Autistin die, die am wenigstens Getätschel braucht. Mein nach aussen gerichteter Blick starrt stur auf den Fetzen Stoff vor mir, während mein inneres Auge den Kriegsschauplatz meines Herzens betrachtet. Die Schlacht ist vorbei, die Erde verbrannt und die noch pulvergeschwängerten Wolken am Himmel schwarz und schwer. Irgendwann werden sich das Gras, die Blumen und die Bäume das Land wieder zurückholen und man wird nichts mehr sehen von all dem, was passiert ist. Es hört auf. Es geht vorbei. Es geht vorbei. Es geht vorbei. Es geht vorbei….

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Aus den Lautsprecherboxen hypnobetrillern mich Amseln und anderes Federviech. Die Maschine quietscht, der Faden verheddert sich zum 4. Mal, ich habe die Spule falsch herum eingelegt. Minutenlang knuspele ich mit dem Fadenöffner an der verdröselten Naht herum. Dann schneide ich den Ärmel mitsamt missratener Naht einfach ab, was soll´s. Imke nickt verständnisvoll. „Dann kriegt das Kleid halt kurze Ärmel.“ Sie ist eine gute Autistenbetreuerin. Sie steht immer wieder neben mir, ist nie zu nah und nie zu laut. „Sieht doch schon sehr gut aus. Guck mal, schneidest Du hier noch die Ränder ab? Danach kannst du die Kanten versäubern, aber warte da mal, da komm ich dann erst nochmal zu dir.“ Imke erwartet gar nichts von mir, keine Frage, keine Entscheidung und schon gar keine gerade Naht.

Und dann fällt meiner Werktischnachbarin die Dose mit den Stecknadeln runter. Gleich schwanke ich sicher ein bisschen hospitalistisch von einem Fuss auf den anderen und während sich ein glänzender Speichelfaden aus meinem Mundwinkel seilt, murmele ich abwesend „367“.

Heute bin ich Rain Woman.

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