Lissabon

An Tag vier habe ich die Schnauze voll. Passend zu meiner entzündeten Seele hat sich eine der acht frisch erlaufenen Blasen an beiden Füssen solidarisch mitentzündet und ich kann mich entscheiden zwischen „weiterlaufen und warten, bis der Zeh von alleine abfällt“ oder den Kreuzweg vorerst beenden und den Zeh noch ein paar Jahre behalten. Ich halte die verregnete, menschenleere Einsamkeit und die schweren, klammen Bettdecken, vor allem aber mich selbst nicht mehr aus, packe meinen Zeh in Watte und meine Klamotten in den Kofferraum und fahre nach Norden.

Lissabon.

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Die Stadt ist ein Segen und umhüllt meine angekratzte Seele wie sonnenwarmer dicker Honig. Acht Tage nach meiner Abreise habe ich es endlich geschafft. Mein Geist und mein Körper sind langsam geworden, ich höre endlich auf zu suchen. Ich bin nur noch da, wo ich gerade bin. Ich halte meine Nase am Kaaaaaahsch do Sodreeeee in die Sonne, bis sie mir Sommersprossen auf die Wangen zeichnet und nähre meinen Körper mit Tinto de Alantejo und Bacalhau in sämtlichen Varianten. Stockfischpürree. Stockfischpastete. Stockfisch gebraten. Stockfischpaella. Stockfisch pochiert. Stockfischkroketten….Der Mann, den ich nicht treffen sollte, hat mich zuvor mit den besten Geheimtipps seiner Zweitheimat versorgt. Mit meinem in betaisodonnawattegewickelten und flipflopgelüfteten Zeh schlurfe ich also auf seinen Pfaden durch die warmen Gassen, in die schönsten Ecken, die hübschesten Cafés, die besten Restaurants und die entspanntesten Oasen schönen Lebens in Lissabon. Und dann fühle ich, wie sich der lähmende Schock, der mich die letzten Wochen vollkommen vereinnahmt und ausser Gefecht gesetzt hat, aus meinem Körper verabschiedet. Der ewige starre Krampf weicht aus meinen Muskeln und ich werde endlich wieder weich. Ich bin nur noch traurig, aber auf eine warme und sichere Weise. Wenn die Tränen kommen, lasse ich ihnen in bunten Hauseingängen, vor Käsekühltheken, in Klokabinen und der hinteren Tramsitzreihe freien Lauf, aber endlich entlastet es mich und erschöpft mich nicht mehr so unendlich. Die durch das Heulen verbrauchten Kalorien führe ich mit puddinggefüllten Natas regelmässig wieder zu. Prophylaktisch setze ich die Dosis erstmal hoch an, 4x täglich zur Sicherheit, damit ich nur nicht zu schwach werde.

Nun gut, es gibt die kleinen Ausfallmomente, in denen mir klar wird, dass ich gerade nicht ganz so alle Latten am Zaun habe. Als ich nach 25 Minuten Anstehen vor dem Kino des Planetariums bemerke, dass ALLE anderen Karten haben, nur ich nicht und mir klar wird, dass mich der Kassierer zuvor missverstanden hat (jaaaaa, in der Ausstellung ist der Eintritt frei, aber ich will den verdammten 3D-Sonne,Mond- und STERNÄÄÄÄÄÄÄFILM sehen!!!) stolpere ich heulend aus der Warteschlange und auf dem Platz vor dem Planetarium läuft mir dann schon schluchzend der Rotz aus der Nase vor Wut. Weil der blöde Kassierer mir nicht richtig zugehört hat. Weil das Leben mir nicht mal ne verfluchte Ablenkung von 30 Minuten Sternefilm gönnt!!! Mein inneres Kind ist kurz davor, sich brüllend und um-sich-schlagend auf den Museumsvorplatz zu werfen.

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Nach 14 Tagen komme ich weich, warm und auf mittlerweile ganz erträgliche Weise traurig wieder in meinem Lieblingsveedel an.

Aus dem Briefkasten fische ich eine Postkarte. Eiche im Sonnenuntergang. Ich habe so konsequent keine mails gelesen und keine Anrufe beantwortet, dass meine Ziehmutter während meiner Reise ohne mich gestorben und ohne mich beerdigt worden ist.

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