Ich reise allein.

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Flughafen Faro.

In das anerkennende Klatschen und Gegrunze nach überraschend mal wieder geglückter Landung mischt sich das eine oder andere rentnergeraunte „jaWOLL!“. Ich sinke verschämt etwas tiefer in meinen Sitz und meine ausufernde Sitzreihennachbarin schubst mir beim ausgiebigen Kramen in der Handgepäckablage trotzdem ihren weichen Hintern ins Gesicht. Eine Wolke von Laura Biagotti betäubt mich. Aus den Fliegertüren entleeren sich Schöffeljackenträger mit auf die Stirn geschobenen Gleitsichtbrillen in Gesundheitssandalen mit ergonomischen Fussbetten, außerdem ein Dutzend stiernackenbehaarter und allesamt potthässlicher Mitglieder der Hells´ Angels Dortmund. Die Schöffeljackenträger schlurfen ihren fesch gesträhnten Gabis zum Kofferband hinterher, die dort schon aufgeregt auf ihre pinken oder leopardengefleckten Rollkoffer warten. Aufgeregtes Gackern in der Reisegruppe der pensionierten Lehrer. „Kumma, Reinhardt, da kommt meiner, geh ma mehr nach vorn!“

Die Gabis gehen Pipi machen und legen Lippenstift und Haarpommade nach, während ihre Lehrergatten die arielweißen Socken zurechtziehen, die in Brustbeuteln verstauten Reisepapiere auf Vollständigkeit prüfen und die bunten Rollkoffer auf grauen Rollwägen verstauen.

 Ich klaube meinen verschrammelten Deuterrucksack vom Band, nehme den „nothing to declare-Ausgang“ und gehe zum Mietwagenschalter.

Das Schöffeljackengabigemisch sortiert sich am Ausgang zu verschiedenen Schildchenträgern, die wahlweise mit „SunshineTours“ und „Albufeira Grand Hotel“ betitelt sind. Gleich werden sie häppchenweise von klimatisierten Reisebussen verschluckt, die sie in die Residenzen ihrer Roland Kaiser Double – animierten Träume schaukeln werden.

 Ich werfe meinen Rucksack in den Kofferraum des Fiesta, lasse das Rentnerparadies der Algarve hinter mir und fahre an die Westküste Portugals nach Odeceixe. Odesäiiiisch…. Dort habe ich ein Zimmer für zwei Nächte. Für die nächsten zwei Wochen ist das erst mal alles, was ich weiß. Und dass ich konsequent für niemanden erreichbar sein werde. Ich werde keine mails lesen und nicht ans Telefon gehen.

Je westlicher ich fahre, desto kühler pustet der atlantische Wind durch das Autofenster. In Odeceixe fliegen die Wolken am Himmel so schnell vorbei, als könnten sie sich zwischen Regenmachen und Sonnedurchlassen nicht so recht entscheiden. Der Wind rupft an meinen Haaren.

Nachdem ich den Betreiber in der Kneipe nebenan gefunden habe checke ich in das deutlich altersschwache Hostel gleich am Marktplatz ein. Das Zimmer riecht muffig nach alten Pantoffeln und Tapetenpilz. Jorge schiebt mir eine kleine elektrische Heizung neben das feuchte Bett. Ich frage, wann es morgen Frühstück gibt. „Frühstück gibt´s erst ab April“, antwortet er.

 Zwei Wochen wandern, an der Westküste Portugals entlang der Rota Vincentina, alleine sein, nur das Meer, die Klippen und ich und vielleicht finde ich mich ja sogar ein bischen. So mein Plan.

Ich werde es exakt vier Tage aushalten.

*

3 Gedanken zu “Ich reise allein.

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