Fassadenarbeit

„Sie werden hier heute nicht glücklich rausgehen. Was Sie brauchen ist eine Augenlidstraffung.“

Dr. Berthold zieht die Haut an meinen Unterlidern lang und lässt abrupt los. „Da. Sehen Sie. Da ist einfach zuviel Haut. Da kann man mit Hyaluron nicht viel machen.“ Ich kneife die Augen zusammen und die Hautüberschussfalte legt sich gemütlich und schlapp auf meinem undefinierten Jochbein ab. Eigentlich hatte ich an meinem Augenspeck noch nie etwas auszusetzen, ganz im Gegenteil. Jetzt bin ich fast versucht, das anders zu sehen…Dr. Berthold versteht sein Geschäft, das sehe ich gleich. Das Foto, das er von mir gemacht hat, zeigt mich genauso bezaubernd und ausgeschlafen, wie ich es sonst nur in neonbeleuchteten Aufzugspiegeln empfinden kann. Ich bin sicher, dass der Untersuchungsraum ganz in umsatzfördernder Absicht mit Leuchtstoffröhren von oben beleuchtet wird.

Ich betrachte die tiefen Furchen und das blassgraue Portrait auf seinem Rechner, das doch irgendwie ich sein soll und komme ins Grübeln. „Und Sie haben einen Unterkiefer wie eine Bulldogge. Mit Ihrem Masseter könnten Sie ja menschliche Unterschenkel zermalmen. Gucken Sie doch mal, wie quadratisch Sie sind! Kauen Sie Kaugummi? Knirschen Sie mit den Zähnen?“

Wenn irgenein Mensch auf diesem Planeten in den letzten Wochen und Monaten Grund gehabt hätte, mit den Zähnen zu knirschen, dann ja wohl ich, denke ich und nicke.

„Aber das ist kein Problem, da machen wir ein bischen Botox rein. Ein bischen links und rechts in den Muskel, dann verkümmert der und in drei Monaten haben Sie ganz feminine Gesichtszüge, einen ganz schmalen Unterkiefer, passen Sie auf.“ Dann macht er mich einen Kostenvoranschlag für die Augenlidstraffung. „Ich mach Ihnen 10 % Kolleginnenrabatt“, zwinkert er und ich denke „also, mein Job ist von deinem in etwa soweit entfernt wie Menderes Bagci vom Sex mit Giselle Bündchen…“

„Als, ich muss hier ehrlich gesagt nicht rausgehen und aussehen wie ein Topmodell…“„Aber warum denn nicht?“ fragt Dr. Berthold, legt den Kopf schief und grinst mich an.

Ich sage Herrn Berthold, dass er noch nicht an meinen Augen herumschnibbeln darf. Zumindest jetzt noch nicht. Er scheint ein bischen enttäuscht, dass sich die fleischliche Leinwand seinem ästhetischen Gestaltungsdrang nicht hinwirft. Aber mit dieser tiefen und überwiegend in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember erheulten Augenfalte (ich werde nie wieder eine 3D-Schlafaugenmaske als Staubecken für eine nächtliche Salzwasserflutung missbrauchen, nie wieder!)  werde ich diese Klinik heute nicht verlassen, das weiß ich mal ganz sicher. In meinem Alter verzeiht das Gesicht keine einzige rotwein – und tränengeschwängerte Nacht mehr, habe ich gelernt.

Fünf Minuten später liege ich auf dem Behandlungsstuhl. Dr. Berthold wühlt mit einer gigantischen Nadel in meinem Gesicht und ich möchte mir nicht vorstellen, wie das aussieht, was er da tut.

Er gibt mir einen Spiegel. Endlich passen mein Inneres und mein Äußeres nicht mehr zusammen. Ich bin an genau den richtigen Stellen geschwollen und fühle mich zum ersten Mal seit Ewigkeiten von meinem Spiegelbild wieder angemessen beschrieben.

Herr Berthold reicht mir ein gefriergekühltes Handtuch, anschließend darf ich in seine Knuspermandelschokoladentüte greifen. Ich bezahle einen Mittelklassegebrauchtwagen und Dr. Berthold sagt: „ Bis bald.“

 

 

 

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