Monat: Februar 2016

Zurücktreten, bitte.

In Süddeutschland sind zwei Züge ineinander gefahren.

Es ist von menschlichem Versagen die Rede. Der Zugdienstleiter hat einen Fehler gemacht, ein Signal nicht beachtet, einen Stecker gezogen, einen Knopf übersehen, ein System ausgeschaltet, einen Moment zu lange gezögert, eine falsche Entscheidung getroffen, wer weiß das schon genau. Zehn Menschen sind tot.

Der Zugdienstleiter wird vom Dienst freigestellt und man trauert öffentlich mit den Angehörigen. Die Ordnung muss wieder hergestellt, die Ursache gefunden und das Problem behoben werden. Denn das darf sich nie wiederholen.

Selbstverständlich wird es sich wiederholen. Das liegt in der Natur der Dinge. Fehlerhaftes Handeln liegt in der Natur des Menschen.

Ich glaube, der Moment des Fehlers, der Unachtsamkeit, folgt immer ähnlichen und wenigen Mustern. Die Konsequenzen daraus werden aber von vielen Variablen bestimmt. Manchmal fällt durch eine Unachtsamkeit ein Wasserglas vom Tisch. Ein anderes Mal sterben dabei Menschen. Der Fehler im Ursprung ist oft derselbe. Ist ein umsichtiger Autofahrer, der ein Kind überfahren hat, weil er eine Sekunde zu lang zur falschen Seite geblickt hat, schuldiger, als jemand, der versehentlich das Skript eines Freundes mit Kaffee übergißt…?

Für Menschen, die Fehler machen, haben wir keine Lösung. Wir haben Lösungen für Massenmörder, Pädophile, kriminelle Widerholungstäter. Es gibt Therapien, Reintegrationsmodelle oder Konzepte für die lebenslange Sicherheitsverwahrung. Aber wir kennen keinen gesunden Umgang mit Menschen, denen durch eine unbeabsichtigte Unachtsamkeit eben mehr als nur ein Tasse zerbrochen ist. Sie werden lieber nicht weiter integriert. Man fordert ihren Rücktritt, suspendiert sie, stellt sie frei – so macht man das wahlweise mit Zugdienstleitern oder auch Polizeipräsidenten nach verunglückten Sylvesternächten. Man ersetzt sie zügig, denn sie wären ein ewiges Mahnmal der Tragödie oder dessen, was nicht hätte passieren dürfen. Und das halten wir nicht aus.

Das ist eine absurde Fehlerkultur und ich verstehe sie nicht. Warum können diese Menschen nicht ihre Arbeit weiter machen und an ihren Fehlern wachsen? Warum kennen wir keine offene und wertfreie Auseinandersetzung mit Menschen, denen Fehler passiert sind? Die beste Reflexion des eigenen Handelns entsteht aus Krisen, nicht aus permanentem Erfolg – aber wir nehmen lieber die Verabschiedung in Kauf , als dass wir das Potential dieser Krise erkennen und fördern. Stattdessen werden die freien Posten wieder mit  unbefleckten Westen besetzt. Sie dürfen solange bleiben, bis die nächste Tasse zu Bruch geht.

Fühlte sich der Zugdienstleiter in absehbarer Zeit wieder in der Lage, seine Arbeit weiter auszuüben, so gäbe es sicherlich niemanden, der das mit größerer Sorgfalt tun könnte als er.

Zeit & Vergessen

Ich muss mir keine Gedanken mehr darüber machen, dass ich meine Trauerarbeit nicht ordentlich erledige und mich stattdessen ständig ablenke.

Sie erledigt nämlich mich und heute hat sie mich dick und fett in ihrem Kalender angestrichen.

Heute bin ich ein Hund, den man erst getreten und dann vor die Tür gesetzt hat, bloß weil er zweimal auf den Teppich gepinkelt hat. Ich verstehe die Welt nicht und sitze winselnd vor der Tür in der Hoffnung, dass der kleine blonde Junge mit der fetten Zahnlücke und den Sommersprossen aufmacht und mich bitte wieder drückt.

Wie lange dauert das eigentlich, bis man von Kindern vergessen wird…

Es ist jetzt vier Wochen her, seit Tomma und ich uns getrennt haben. Wahrscheinlich könnte ich gerade noch so wieder auftauchen und so tun, als sei nichts gewesen und es würde sich schnell wieder so anfühlen wie vorher. Der kleine blonde Junge würde sich von mir wieder die Zehen drücken lassen und Anna würde mir die Fingernägel ganz selbstverständlich mit türkisen Streifen verzieren. Wir würden nicht viel erklären müssen und alles wäre wieder wie vorher.

Wann verstreicht eigentlich dieser Zeitpunkt? Wann werden wir uns fremd? Wenn der blonde Fratz aus seinem Fussballhemd und Anna aus ihrem Faible für Youtuber mit Flaumbärtchen gewachsen ist? Wann wechselt der Moment, in dem unser Wiedersehen nicht mehr selbstverständlich, sondern plötzlich betreten und unbeholfen  wäre? In weiteren vier Wochen? Drei Monaten, einem halben Jahr…?

Vielleicht ist der Zeitpunkt auch schon längst verstrichen und nur ich habe das noch nicht begriffen.

Der blonde Fratz ist neun. Ich weiß, dass Tomma mit ihm gesprochen und ihm erklärt hat, dass ich nicht wiederkomme. Vielleicht hat er kurz ein bischen geweint. Dann ist er sicher Fussballspielen gegangen und alles war wieder gut.

 

Fassadenarbeit

„Sie werden hier heute nicht glücklich rausgehen. Was Sie brauchen ist eine Augenlidstraffung.“

Dr. Berthold zieht die Haut an meinen Unterlidern lang und lässt abrupt los. „Da. Sehen Sie. Da ist einfach zuviel Haut. Da kann man mit Hyaluron nicht viel machen.“ Ich kneife die Augen zusammen und die Hautüberschussfalte legt sich gemütlich und schlapp auf meinem undefinierten Jochbein ab. Eigentlich hatte ich an meinem Augenspeck noch nie etwas auszusetzen, ganz im Gegenteil. Jetzt bin ich fast versucht, das anders zu sehen…Dr. Berthold versteht sein Geschäft, das sehe ich gleich. Das Foto, das er von mir gemacht hat, zeigt mich genauso bezaubernd und ausgeschlafen, wie ich es sonst nur in neonbeleuchteten Aufzugspiegeln empfinden kann. Ich bin sicher, dass der Untersuchungsraum ganz in umsatzfördernder Absicht mit Leuchtstoffröhren von oben beleuchtet wird.

Ich betrachte die tiefen Furchen und das blassgraue Portrait auf seinem Rechner, das doch irgendwie ich sein soll und komme ins Grübeln. „Und Sie haben einen Unterkiefer wie eine Bulldogge. Mit Ihrem Masseter könnten Sie ja menschliche Unterschenkel zermalmen. Gucken Sie doch mal, wie quadratisch Sie sind! Kauen Sie Kaugummi? Knirschen Sie mit den Zähnen?“

Wenn irgenein Mensch auf diesem Planeten in den letzten Wochen und Monaten Grund gehabt hätte, mit den Zähnen zu knirschen, dann ja wohl ich, denke ich und nicke.

„Aber das ist kein Problem, da machen wir ein bischen Botox rein. Ein bischen links und rechts in den Muskel, dann verkümmert der und in drei Monaten haben Sie ganz feminine Gesichtszüge, einen ganz schmalen Unterkiefer, passen Sie auf.“ Dann macht er mich einen Kostenvoranschlag für die Augenlidstraffung. „Ich mach Ihnen 10 % Kolleginnenrabatt“, zwinkert er und ich denke „also, mein Job ist von deinem in etwa soweit entfernt wie Menderes Bagci vom Sex mit Giselle Bündchen…“

„Als, ich muss hier ehrlich gesagt nicht rausgehen und aussehen wie ein Topmodell…“„Aber warum denn nicht?“ fragt Dr. Berthold, legt den Kopf schief und grinst mich an.

Ich sage Herrn Berthold, dass er noch nicht an meinen Augen herumschnibbeln darf. Zumindest jetzt noch nicht. Er scheint ein bischen enttäuscht, dass sich die fleischliche Leinwand seinem ästhetischen Gestaltungsdrang nicht hinwirft. Aber mit dieser tiefen und überwiegend in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember erheulten Augenfalte (ich werde nie wieder eine 3D-Schlafaugenmaske als Staubecken für eine nächtliche Salzwasserflutung missbrauchen, nie wieder!)  werde ich diese Klinik heute nicht verlassen, das weiß ich mal ganz sicher. In meinem Alter verzeiht das Gesicht keine einzige rotwein – und tränengeschwängerte Nacht mehr, habe ich gelernt.

Fünf Minuten später liege ich auf dem Behandlungsstuhl. Dr. Berthold wühlt mit einer gigantischen Nadel in meinem Gesicht und ich möchte mir nicht vorstellen, wie das aussieht, was er da tut.

Er gibt mir einen Spiegel. Endlich passen mein Inneres und mein Äußeres nicht mehr zusammen. Ich bin an genau den richtigen Stellen geschwollen und fühle mich zum ersten Mal seit Ewigkeiten von meinem Spiegelbild wieder angemessen beschrieben.

Herr Berthold reicht mir ein gefriergekühltes Handtuch, anschließend darf ich in seine Knuspermandelschokoladentüte greifen. Ich bezahle einen Mittelklassegebrauchtwagen und Dr. Berthold sagt: „ Bis bald.“